Kirchenspaltung
„Da wird Misstrauen gesät“
Aus: Christ & Welt Ausgabe 26/2011
Kurienkardinal Walter Kasper wendet sich gegen das „Dossier“ über die deutsche Kirche.
Ein „inoffizielles Dossier“ über eine drohende Kirchenspaltung in Deutschland soll im Vatikan die Runde machen. Das berichtete das Magazin „Focus“ zu Pfingsten. Doch es lässt sich im Staat um den Petersdom nur schwer aufspüren. Es gibt offensichtlich „etwas“, doch ist es nicht, wie der Beitrag suggerieren kann, zwischen Papst, Purpurträgern und Prälaten unterwegs.
Das Dossiergerücht basiert auf einem Blogbeitrag des zweifellos bestinformierten italienischen Vatikanjournalisten Andrea Tornielli. Dieser servierte es jedoch im typisch italienischen Journalistenstil in Form von Verschwörungstheorien voller Fragezeichen. Am Ende spielte der Blogger die Sache selber herunter: „In Wirklichkeit gibt es keinen Beweis, dass es sich um einen vorgefassten Plan handelt, auch wenn manch einer in den heiligen Palästen diese Hypothese glaubhaft zu machen versucht.“ Deshalb traf der „Focus“-Beitrag im Vatikan auf Wissende, und die Reaktion war folglich weniger spontan.
Offiziell kursiert im Vatikan dagegen ein Dossier zum Problem der Kirchenaustritte, versehen mit Gutachten – auf Italienisch. Das ist eine echte Nachricht. Beruht der Rest auf einer Verwechslung? So einfach scheinen die Dinge auch nicht zu liegen. Es gebe da einiges, wird an kompetenter Stelle eingeräumt. Darunter eine Sammlung von Papieren, aber kein Dossier. Im Übrigen sei der Dissens verschiedener deutscher Gruppen mit Rom bekannt. Sie wollten wohl Themen wie den Pflichtzölibat und die Frauenordination wieder ins Gespräch bringen. Bekannt sei ferner, dass auch einige deutsche Bischöfe versuchten, mit Blick auf den Papstbesuch Druck auszuüben, um Ziele zu erreichen, die ihnen in ihrer Diözese besonders am Herzen lägen. Doch dass jemand auf bewusste Spaltung aus sei, das gelte als sehr unwahrscheinlich. Die Themen der Romkritiker würden bei der Vorbereitung des Deutschlandbesuches im Mitarbeiterstab rund um den Papst genau beobachtet. „Doch ob solche Themen dann vom Papst in seinen Reden in Deutschland aufgegriffen werden, wird er allein entscheiden“, heißt es vorsichtig.
Walter Kardinal Kasper, der langjährige Präsident des päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, spricht offen über das Papier. Er kann die Verschwörungstheorie des „Dossiers“ nicht nachvollziehen. Die Aktionen, die das Papier nennt, den offenen Brief katholischer Politiker im Januar dieses Jahres und das Memorandum von Theologen im Februar, das mittlerweile 311 Unterschriften trägt, sind nach seiner Einschätzung keineswegs zentral gesteuert, wie das „Dossier“ nahelegt. Auch kann er keine Mitwirkung oder gar eine Steuerung aus vatikanischen Kreisen erkennen: „Wer sollte das gewesen sein? Ich kenne hier niemand, der so etwas tun würde.“ Er nennt das Papier „ein Hypothesengebäude, das Einzelinformationen kombiniert und andere unangemessen aufbauscht. Da scheint mir Misstrauen gesät und eine Spaltung geradezu provoziert zu werden.“ Kasper ist überzeugt: Würden sich Gruppen von Unzufriedenen von der Kirche abwenden, sie würden schnell uneins und auseinanderfallen.
Der Kurienkardinal war bis 1999 Rottenburger Bischof und davor Theologieprofessor in Tübingen und Münster. Er kennt die Situation in Deutschland genau. Und er weiß, dass in der katholischen Kirche in Deutschland Spannungen herrschen. Doch von dort zu einem Schisma, also einer Kirchenspaltung, von der das Dokument spricht, „ist es ein weiter Weg. Das wäre ein Schritt in eine qualitativ neue Dimension, die ich mir nicht vorstellen kann. Denn einmal sind die kritisch denkenden Gruppen unter sich sehr verschieden, zum anderen würde ein Schisma eine schismatische Teilkirche voraussetzen, also einen oder mehrere Bischöfe, die mitmachen – für mich völlig undenkbar.“
Zudem gibt es gegenteilige Beobachtungen. Zum Beispiel das Interesse am Papstbesuch im September. Schon haben sich um die 50 000 Menschen allein für die Messe in Berlin angemeldet. „Das zeichnet ein anderes Bild: Es gibt eine große, bisher weithin schweigende Mehrheit, die zwar auch die eine oder andere kritische Anfrage haben mag, die aber auch unausgesetzte Kritik von der einen wie von der anderen Seite satthat und einfach katholisch sein will.“ Vor zwei Wochen hat Kasper in Frankfurt am Main ein Buch über Wesen und Auftrag der katholischen Kirche vorgestellt. Die erste Auflage war sofort ausverkauft.
Der Kardinal wirbt darin für eine dialogische, synodal strukturierte Kirche, eine, in der Bischöfe im ständigen Gespräch mit Klerikern und Laien stehen. Aber zugleich sagt er: „Wir können die Kirche nicht neu erfinden.“ Ein Dialog, wie er jetzt in Deutschland beginnen soll, beginne nicht voraussetzungslos und könne nicht das Selbstverständnis der katholischen Kirche infrage stellen. Kasper hält einen Moment inne. Dann sagt er einen seiner Sätze, für die er geschätzt wird, einen, der lang ist, weil er alles ins Verhältnis setzt, und jeder Teil ist gleich wichtig: „Es kann keine neue Kirche geben, wohl aber soll es eine im Sinn des letzten Konzils erneuerte Kirche sein, die in einer lebendig verstandenen Kontinuität ihre Identität bewahrt und nur so neue Leuchtkraft entfalten kann.“





