www.zeit.deProbe-Abo

Claudia Roth

Ökologie, ja bitte! Sexualmoral, nein danke!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 40/2011

Die Rede des Papstes im Bundestag ist mit Spannung erwartet worden. Dass es im Vorfeld kontroverse Diskussionen gab, hat mich nicht überrascht.

Die Rede des Papstes im Bundestag ist mit Spannung erwartet worden. Dass es im Vorfeld kontroverse Diskussionen gab, hat mich als ein in der Sache gebranntes Kind nicht überrascht. Mit dem sogenannten Roth-Bericht über die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen in Europa bin ich 1994 ja selbst ins Kreuzfeuer einer konservativen päpstlichen Kritik geraten. Ich fand auch die Proteste gegen die Papst-Rede legitim. Aber dennoch war für mich klar, dass ich mir die Argumente des Papstes im Bundestag anhören werde.

Dass der Papst dann das Thema Ökologie so deutlich hervorhob, freut mich natürlich sehr. Und seine Anmerkung, dass er damit keine bestimmte Partei meine, kam schon etwas verschmitzt daher. Die Mienen auf der Regierungsbank, und vor allem bei den Vertretern der Partei mit dem großen C im Namen, waren jedenfalls ziemlich versteinert.

Tatsächlich hat sich in den letzten Jahren zwischen uns Grünen und wichtigen Vertretern der katholischen Kirche ein guter Dialog entwickelt, der zahlreiche gemeinsame Anliegen kennt, auch den Schutz von Klima und Umwelt. Christinnen und Christen aller Konfessionen rücken heute den „Erhalt der Schöpfung“ immer stärker in den Mittelpunkt. Und dass sie das aus einer besonderen Perspektive heraus tun, mit Blick auf den christlichen Schöpfergott, ist kein Hindernis, sondern für viele Menschen eine besondere Motivation. Als Politikerin sehe ich meine Aufgabe darin, im Engagement für Klima und Umwelt ganz unterschiedliche Antriebe und Begründungen zusammenzubringen. Deshalb von unserer Seite eine Einladung an alle Christen, in diesen Fragen eng zusammenzuarbeiten.

Und es gibt noch mehr Themen, die uns gemeinsam umtreiben. Der Papst hat in seiner Rede wichtige Dinge zum Rechtsstaat gesagt und den Nationalsozialismus dafür verurteilt, dass er den Staat zu einem „Instrument der Rechtszerstörung“ machte. Auch hier sehe ich viele Übereinstimmungen. Ebenso in der Kritik einer Gentechnik, die sehr unbedarft mit Gefahren umgeht, die aus den immer weiter reichenden Möglichkeiten des Menschen resultieren. Und wenn der Papst in seiner Rede die Rolle Griechenlands in Europa hervorhebt, dann würde ich das als einen ganz aktuellen Fingerzeig verstehen, sich ernsthafter für die Rettung Griechenlands zu engagieren.

Diese und andere Gemeinsamkeiten können jedoch nicht verdecken, dass es auch große Unterschiede und Gegensätze gibt. Zum Beispiel, wenn er seinen Naturbegriff auch auf die menschliche Natur bezieht, um damit gleichgeschlechtliche Partnerschaften als „widernatürlich“ zu diskriminieren. Einen solchen „philosophischen Umweg“ von der Ökologie hin zu einer antiquierten Sexualmoral gehen wir Grüne natürlich niemals mit und kritisieren das auch heftig. Und Gleiches gilt, wenn der Papst zwar die Würde aller Menschen betont, Frauen dann aber in antiquierte Rollenbilder pressen will. Auch mit Blick auf weitere Themen, etwa einen weniger hierarchischen und zentralistischen Katholizismus, die Mitspracherechte der Kirchenbasis oder die Entwicklung der Ökumene, lässt der Papstbesuch vieles offen und uns enttäuscht zurück.

Doch bei allen Differenzen nehmen wir Grüne das deutliche Gesprächsangebot des Papstes in Sachen Ökologie natürlich an. Es geht hier um eines der großen Menschheitsprobleme, die auf der Tagesordnung stehen. Verantwortlich handeln heißt hier, das Verbindende suchen, auch über das Trennende hinweg.

Claudia Roth ist Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen.

Erschienen in:
Ausgabe 40/2011
Redakteur:
Claudia Roth (Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Innenpolitik, Papst