www.zeit.deProbe-Abo

Politische Mitte

„Christliche Leitkultur – das ist vorbei“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 22/2014

Der Historiker Paul Nolte über den stillen Abschied vom C und den lauten Kampf um die Homo-Ehe

Christ & Welt: Ist das C in der CDU nur etwas für Podiumsdiskussionen oder hat es etwas mit Politik zu tun?
Paul Nolte:
Es hat mehr mit Tradition als mit alltäglicher Politik zu tun. Eine christliche Rückbindung hat für einen großen Teil der CDU-Wähler keine unmittelbare Bedeutung mehr. Die große Leistung der Unionsparteien besteht darin, dass sie beim Übergang von Helmut Kohl zu Angela Merkel die Marke lebendig gehalten haben. Sie haben das C auf geschickte Weise in den Hintergrund treten lassen, ohne seine Verabschiedung zum Staatsakt zu machen.

C & W: Wenn es verabschiedet ist, könnte die CDU es bald abgeben.
Nolte:
So bald nicht. Der Traditionsbestand C wird sicher noch 20 Jahre erhalten bleiben wie bei der SPD der Sozialismus. Abgekürzt fällt das Christliche nicht so auf. Aber ich denke tatsächlich manchmal darüber nach, ob die CDU in 50 Jahren nur noch „Demokratische Union“ heißen wird. Dem derzeitigen Führungspersonal ist das Christliche aber noch wichtig. Es gibt sehr viele kirchlich engagierte Unions-Spitzenpolitiker. Die müssen allerdings einen Spagat vollbringen, weil das religiöse Profil für die bürgerliche Wählerschaft keine so große Rolle mehr spielt. Lange waren Partei und Milieu identisch, jetzt klaffen sie auseinander. Denken Sie nur an Ostdeutschland! Ähnliches gilt auch für die Grünen.

C & W: „Christlich“ ist also kein gutes Werbeargument?
Nolte:
Nein, die CDU benutzt es ja auch nicht mehr. Wenn, wie jetzt der SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz fordert, religiöse Symbole aus dem öffentlichen Raum entfernt werden sollen, dann verteidigen CDU-Politiker immer noch Kreuze im Gerichtssaal und in Klassenzimmern. Aber die CDU wäre schlecht beraten, von sich aus mit christlichen Appellen auf die großen Plakatflächen zu gehen. Christliche Leitkultur – das ist vorbei. Schon die Debatte darüber vor einigen Jahren war ein Nachhutgefecht. Deutschland ist eine multireligiöse Gesellschaft. Mich hat das Wort von der „christlichen Leitkultur“ an eine Kontroverse im Kaiserreich erinnert. Damals wurde darüber gestritten, ob Deutschland nun Industrie- oder Agrarland ist. Aber eigentlich war die Sache schon entschieden.

C & W: Sollen denn Kreuze in Gerichtssälen bleiben?
Nolte:
An Kreuzen in staatlichen Gebäuden würde ich nicht festhalten. Aber es
ist absurd, wenn, wie vor einigen Jahren diskutiert, Stewardessen im Dienst kein Kreuz oder kein Kopftuch tragen dürfen. Religion muss im öffentlichen Raum sichtbar bleiben, sie ist nicht nur Privat?sache.

C & W: Nehmen Sie die AfD als eine Partei wahr, die um enttäuschte CDU-Christen wirbt, um Lebensschützer und Bewahrer des traditionellen Familien?bildes zum Beispiel?
Nolte:
Ich nehme sie als eine Partei wahr, die um enttäuschte CDU-Wähler kämpft. Eine werteorientierte oder dezidiert christliche Partei ist sie nicht. Es ist ohnehin eine heterogene Partei, es gibt die Ökonomieprofessoren-AfD, die Populisten-AfD und die Altkonservativen-AfD.

C & W: Sind Konservative Modernisierungsverlierer?
Nolte:
Nicht alle. Wenn Sie eine Wahlversammlung der AfD in Berlin besuchen, dann sehen Sie dort ein bürgerlich-saturiertes konservatives Milieu, da sitzen 60- bis 70-jährige Akademiker, sehr viele Anwälte. Sie sehen eher wie die wirtschaftlichen Sieger der letzten Jahrzehnte der Bundesrepublik aus.

C & W: Sie haben, obwohl sie finanziell auf der Gewinnerseite stehen, das Gefühl, geistiges Terrain verloren zu haben.
Nolte:
Das stimmt. Ich würde sie nur nicht als Modernisierungsverlierer bezeichnen, sondern als kulturell Heimat?lose.

C & W: Warum ist im christlich-konservativen Milieu der Kampf gegen die Gleichstellung Homosexueller so wichtig?
Nolte:
Es rührt an das Gefühl, dass eine der letzten Selbstverständlichkeiten des Menschenbildes nun aufgegeben wird. Es geht um eine fundamentale Frage der gesellschaftlichen Ordnung und des Zusammenlebens. Mich erinnert das an Diskussionen, die vor 100 Jahren über Rassenfragen geführt wurden. Damals hat man gefragt, ob Weiße und Schwarze miteinander sexuelle Beziehungen haben und einander heiraten dürfen, jetzt stellt man dieselbe Frage für Homosexuelle.

C & W: Wird die Diskussion offen geführt oder wird Kritik an der Gleichstellung homosexueller Partnerschaften unterdrückt? Grundsätzlicher: Leben wir in einem freien Land?
Nolte:
Natürlich leben wir in einem freien Land. Ich sehe nicht, dass die Medien bestimmte gesellschaftspolitische Positionen tabuisieren. Aber in Deutschland werden Streitfragen schnell in einem relativ engen Korridor diskutiert. Wir sind sehr konsensorientiert. In Frankreich zum Beispiel führt das Thema Homo-Ehe zu viel stärkerer Polarisierung, und es gab große Demonstrationen dagegen, auch von jungen Leuten. Wenn jetzt Menschen in Deutschland das Gefühl haben, sie dürften zum Thema Homosexualität ihre Meinung nicht sagen, dann ist das ein Zeichen ihrer tiefen Verunsicherung. Im christlich-fundamentalistischen Milieu ist man ja immer noch irritiert, wenn sich ein Mann und eine Frau innig öffentlich küssen. Und bei zwei Männern ist man es erst recht. Ich würde mir von denen, die im Namen von Liberalisierung und Modernisierung auftreten, mehr Geduld und Toleranz denen gegenüber wünschen, die Schwierigkeiten haben, so schnell mitzukommen. Diese Schwierigkeiten muss man nicht gleich Homophobie nennen. Unsicherheit ist noch kein Menschenhass, aber sie darf nicht in Hass und Aggression umschlagen.

Das Gespräch führte Christiane Florin.

Paul Nolte ist Professor für Geschichte an der Freien Universität Berlin. Sein jüngstes Buch fragt „Was ist Demokratie?“ (C. H. Beck).

Erschienen in:
Ausgabe 22/2014
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Kirchen, Innenpolitik