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Christentum

"C" hin, nichts im Sinn

Aus: Christ & Welt Ausgabe 48/2012

Ist Kirchennähe unter Volksvertretern zeitgemäß? Ja, hieß es in der vergangenen Woche an dieser Stelle. Eliten punkten mit Religion. Jetzt kommt der Widerspruch: Mit dem Glauben ist kein Staat zu machen

Ist der Gottesdienstbesuch, was einst der Opernabend war? Markiert der Gang zur Kirche einen feinen Unterschied? Ist religiöses Engagement interessant geworden für alle, die schon auf Erden weit nach oben wollen? Davon ist Christiane Florin in ihrem Leitartikel überzeugt. Aber nein! Widerspruch! Es verhält sich umgekehrt.

Mit Religion ist kein Staat zu machen, das ist die Wahrheit. Der Glaube ist nicht zum Distinktionsmerkmal der besseren Kreise geworden, wie Christiane Florin in der vergangenen Woche schrieb. Das hohe C ist keine Vitamingabe für Spitzenämter. Wer sich zum Christentum bekennt und sogar in den Gottesdienst geht, grenzt sich zwar von der Masse ab. Aber nicht nach unten. Kirchgänger sind Außenseiter. Hannelore Kraft, Manuela Schwesig und Peer Steinbrück erfüllen das „Mann beißt Hund“-Theorem, ihre Rückkehr zum Protestantismus widerspricht der Regel. Deshalb berichtet „Bild“. Die angesagten Kirchen, von denen in der vergangenen Woche die Rede war, gibt es gar nicht. „Angesagt“ ist überhaupt keine Kategorie für Kirchen, es sei denn, ein Brautpaar begibt sich auf die Suche nach einer Location für die Trauung.

Nein, öffentlich Christ zu sein ist eine Existenz im Krebsgang. Mag sein, dass der Gläubige in die Oberschicht geht, aber er entschwindet. Christ zu sein als Distinktionsmerkmal hat dieselbe Qualität wie siebenfache Mutterschaft. Beides ist erst einmal selten. Gut ist es nur für die, die Kirche gut finden. Die grüne Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt hat ihren Urwahlkampf keinen Augenblick lang mit ihrem kirchlichen Spitzenamt befeuert. Dass sie die zweite Person des Protestantismus ist, ließ ihre Partei unbeeindruckt. Die Kandidatin versuchte stattdessen, dem evangelischen Kirchenparlament, der Synode, grüne Lieblingsprojekte wie Guerilla-Gardening schmackhaft zu machen – und musste sich dort wegen unerlaubten Politisierens rügen lassen. Es verschafft auch Verteidigungsminister Thomas de Maizière kein politisches Renommee, im Präsidium des Evangelischen Kirchentages zu sitzen. Eher muss er ein zusätzliches Problem lösen, wenn Margot Käßmann eine zweite Front in Afghanistan aufmacht.

Als Joachim Gauck Bundespräsident wurde, da half es ihm, dass er schon vor geraumer Zeit aus dem evangelischen Pfarrhaus in Rostock ausgezogen war. Vielleicht konnte er noch vom Habitus der Institution (mehr darüber auf den Seiten 3 und 4) profitieren. Bei Wolfgang Huber und Margot Käßmann, die ebenfalls fürs Schloss Bellevue gehandelt wurden, war der Eindruck des kirchlichen Amtes zu frisch. Kirche als Karrierebarriere.

Nützlich ist das Christentum dagegen am Ort. Da sorgt Caritas für Kinder und Kranke, Diakonie für Demente und Derangierte. Wenn die Verbände aufgeben, muss die öffentliche Hand in öffentliche Kassen greifen. Deshalb drückt die SPD ihre Laizisten weg und heben Landesparlamente einhellig die Hand, um das „Kirchgeld in glaubensverschiedener Ehe“ durchzuwinken. Nützlich sind Kirchen auch, um den Islam in die Ecke zu stellen. Das jüdisch-christliche Erbe soll der Gesellschaft vor allem dazu dienen, sich Kopftuch und Koran vom Leib zu halten. Ähnliches sagen die Umfragen der Kirchen: Zustimmung erhält „das Christliche“, wenn es als Ordnung auftritt, nach der sich alle richten sollen: Maria gegen Scharia. Keine Kirche sieht dadurch mehr Besucher. Bei der Präimplantationsdiagnostik hat das Kabinett mit Protestanten und Katholiken den Einspruch der Kirchen gerade wie eine Dampfwalze überrollt.

Vielleicht steckt hinter dem Argument der angesagten Religion ein katholischer Blick auf die Republik. Protestanten, liberale zumal, finden es normal, dass Spitzenpolitiker in Kirchentagspräsidien und Synoden sitzen. Die Konfession des Bundespräsidenten ist egal, solange er evangelisch ist. Und selbstverständlich definieren Peter Hintze und Guido Westerwelle mit, was ihre Kirche ausmacht. Denn nach protestantischem Verständnis zählen sie so viel wie Bischöfe und Generalsuperintendenten.

Es mag Katholiken auch irritieren, dass sie selber im politischen Betrieb unter die Räder geraten. Dass vor allem das Übergewicht der Una Sancta in der Union unsichtbar ist. 56 Prozent der Abgeordneten bekennen sich zum Katholizismus, knapp 37 Prozent zu den protestantischen Gemeinschaften. Doch alle müssen sich von der Pastorentochter aus Templin und ihrem Gefolge regieren lassen. Das distanzierte Verhältnis des Klerus zu prominenten Katholiken in der Politik – nie war es so schmerzhaft wie heute, aber leider hat es Tradition. Es liegt nicht am Missbrauch. Katholische Würdenträger singen gerne das Lob auf den vor 200 Jahren geborenen Zentrumspolitiker Ludwig Windthorst. Doch zeitlebens verargten ihm Papst und Bischöfe, dass er für Gewissens- und Meinungsfreiheit stritt. Zum Kirchenlehrer und Glaubenskämpfer taugt erst, wessen Biografie im Nebel der Geschichte verblasst.

Der Protestantismus, vor allem der liberale, scheint politikgängiger, weil kompromissfähiger. Aber er verliert sich leicht in seinen Konsequenzen: Schuldendienst statt Gottesdienst. Auf lange Sicht verliert der Katholizismus langsamer. Seit der Wiedervereinigung sank der Anteil der Katholiken unter allen Bundestagsabgeordneten nur von 32 auf 30 Prozent. Aber die Protestanten stürzten von 38 auf 29 Prozent. In der SPD fiel ihre Zahl von über 100 auf 46. Selbst in der Union verloren sie mehr als drei Prozent. Die FDP stellt heute mit 40-Prozent-Anteil die evangelischste Fraktion. Doch hat sich der Anteil an Katholiken seit 1990 auf 24 Prozent verdoppelt. 1997 saßen neun evangelische Pfarrer im Parlament, und es stand sechs zu drei für die SPD gegen die Union. Jetzt sind es nicht die Hälfte. Das gleicht kein Habitus aus.

Dafür hat Katrin Göring-Eckardt die schwarz-grüne Koalition in der evangelischen Kirche gerettet, die seit 2009 eine politische Idee bewahrt. Sie stellte sich vor ihren schwarzen Stellvertreter Günther Beckstein, als Mitglieder der EKD-Synode vor zwei Wochen die Asylpolitik der Regierung kritisierten. Beckstein sah sich persönlich in der Schusslinie. Dank Göring-Eckardt blieb die Kritik im Haus und drang nicht nach draußen.

Erschienen in:
Ausgabe 48/2012
Redakteur:
Wolfgang Thielmann (Redakteur)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen, Innenpolitik