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Anglikanische Kirche

Bruderzwist im Empire

Aus: Christ & Welt Ausgabe 3/2011

Der Streit um die Homosexualität zerreißt die anglikanische Kirche

So richtig glücklich sieht Rowan Williams nicht aus. Das mag mit seinem Sitzmöbel zu tun haben, einem grünlich-grauen Ohrensessel, oder mit dem Teleprompter, an den sich das Oberhaupt der weltweiten anglikanischen Gemeinschaft erst noch gewöhnen muss. Oder es liegt am Inhalt der knapp fünfminütigen Erklärung, die der Erzbischof von Canterbury in seinem Londoner Bischofspalast aufgezeichnet hat.

Williams wirbt in dem Filmchen für ein Dokument, das die Anglikaner in biblischer Sprache einen „Bund“ nennen. Fast 500 Jahre lang haben die Christen in England und dem britischen Empire ohne verbindliche Vorschriften gelebt. Undogmatischer Pragmatismus und gelegentlich scheinheilige Kompromisse reichten als Fundament der Church of England und ihrer Tochterkirchen weltweit. Die Gemeinschaft der rund 80 Millionen Anglikaner in 38 Provinzen, verteilt auf 160 Länder der Welt, kam zurecht mit losem Zusammenhalt und dem Erzbischof von Canterbury als Leitfigur ohne Führungsanspruch.

Nun soll eine Verschriftlichung erfolgen und damit ein Konflikt gelöst werden, der die Gemeinschaft seit knapp einem Jahrzehnt umtreibt. Vordergründig geht es, wie in vielen christlichen Gemeinschaften, um den richtigen Umgang mit der Homosexualität, daneben auch um die Berufung von Frauen zu Priesterinnen und Bischöfinnen. Dahinter verbirgt sich ein Globalisierungskonflikt, in dem ausnahmsweise einmal der materiell arme Süden die Oberhand hat: Rund zwei Drittel der Anglikaner weltweit leben in Entwicklungsländern. Während die Mitgliederzahlen auf der Nordhalbkugel rückläufig sind, verzeichnen afrikanische und asiatische Gliedkirchen regen Zulauf. Den Erfolg verdanken sie pietistisch-evangelikaler Begeisterungsfähigkeit und sehr wörtlicher Bibelauslegung. Frauen im Talar finden sie befremdlich, Homosexuelle sind ihnen mit den Worten aus dem zweiten Buch Mose „ein Gräuel”.

 

Beim Streit um homosexuelle Laien und Geistliche treten die Gegensätze in der anglikanischen Kirche besonders scharf zutage. Hier die Gliedkirchen in den Industriestaaten des Nordens, die auf dem Jahrmarkt religiöser Beliebigkeit mit dem Zeitgeist konkurrieren müssen; dort die Kirchen Afrikas und Asiens, deren bibelfeste Eindeutigkeit die Erkenntnisse moderner Theologie – so die Kritiker – gern außer Acht lässt. Der Zorn der Konservativen richtet sich weniger gegen die Mutterkirche in England. Hauptgegner sind die Anglikaner in den USA. Die haben nicht nur Bischöfin Katharine Jefferts Schori zur Vorsitzenden ihres Kirchenbundes gewählt. Zur US-Bischofskonferenz gehören mit Gene Robinson, 63, aus der winzigen Diözese New Hampshire und der Bezirksbischöfin von Los Angeles, Mary Glasspool, 56, zwei überzeugt homosexuelle Geistliche.

Robinson fasst sein Credo so zusammen: „Die Bibel macht keine Aussagen über monogame Beziehungen zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts. Sie wurde für eine andere Zeit geschrieben. Homosexualität an sich ist keine Sünde.“ Dereinst, beteuert der Bischof seinen „festen Glauben“, werde er im Himmel ankommen, „genau wie mein Bruder in Christus, Peter Akinola“.

Akinola, der nigerianische Alt-Primas und frühere Chef der afrikanischen Bischofskonferenz, lässt sich mit dem Satz zitieren, Schwule seien „minderwertiger als Tiere“. Robinsons Wahl sowie die kirchliche Segnung homosexueller Partnerschaften stellten einen „Angriff des Satans auf Gottes Kirche“ dar, glaubt er. Mit Glaubensbrüdern wie dem Erzbischof von Sydney, Peter Jensen, hat der Nigerianer den Verband Gafcon (Global Anglican Future Conference) in Konkurrenz zu Erzbischof Williams gegründet. Die Gruppierung fordert Missionierung, lehnt Frauen in kirchlichen Führungspositionen ab und sieht Homosexualität als Sünde.

Wenn Erzbischof Rowan Williams Ende Januar zum Treffen sämtlicher Leiter der weltweit 38 anglikanischen Provinzen bittet, gehören die Rebellen von Gafcon, darunter der Leiter der abtrünnigen US-Bischofskonferenz, Robert Duncan, nicht zu den Gästen. Erzbischof Williams scheut den offenen Konflikt und betont stattdessen unermüdlich seine Pflicht, der „Einheit der Kirche zu dienen“.

 

Doch woraus besteht diese Einheit eigentlich noch? Seufzend fragen sich dies all jene Liberalen in der Church of England, die den Erzbischof auf ihrer Seite wähnten. Tatsächlich hatte der gebürtige Waliser im Jahre 2002 vor Übernahme seines Amtes mitgeteilt, er habe als Bischof in Wales Schwule zu Priestern geweiht. Auch halte er die Verdammung aller Homosexueller, wie sie die anglikanische Gemeinschaft auf ihrer Konferenz von Lambeth 1998 beschlossen hatte, für falsch. Die erste Bewährungsprobe dieser respektablen Haltung kam gleich in Williams’ erstem Amtsjahr. Jeffrey John war bereits von der Queen als neuer Regionalbischof von Reading bestätigt, als ihn der konservative „Daily Telegraph“ im Sommer 2003 als „lautstarken Vertreter der Schwulenbewegung“ charakterisierte, ohne jedoch Johns Sexualität selbst zu erwähnen.

Das tat dieser wenige Tage später selbst. Er lebe seit 27 Jahren treu in einer Beziehung mit einem anderen Pfarrer, erklärte John. Diese Beziehung habe jedoch schon seit mehr als einem Jahrzehnt keine sexuelle Komponente mehr – womit sich Johns Privatleben im Einklang mit der in England gültigen Kirchenlehre befindet. Die besteht nämlich seit 1991 aus einem typisch anglikanischen Kompromiss: Sie erlaubt Laien eine homosexuelle Partnerschaft, fordert von schwulen Pfarrern jedoch zölibatären Lebenswandel.

Mit Johns Stellungnahme hätte das Thema eigentlich erledigt sein können. Stattdessen eskalierte das öffentliche Hickhack zwischen Gegnern und Befürwortern seiner Berufung, bis Williams den Kandidaten zur Ablehnung seiner Berufung zwang. Von diesem Trauma „hat sich die Church of England nie richtig erholt“, glaubt ein prominenter Verbündeter des Erzbischofs. John dient mittlerweile als Dekan der Kathedrale von St. Albans, die Berufung zum Bischof blieb dem glänzenden Theologen bis heute verwehrt. Als kürzlich der Dekan von Southwark, die Galionsfigur der englischen Liberalen, starb, wählte John für seine Traueransprache das vierte Kapitel des zweiten Korintherbriefes: „Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.”

Das taugt auch als Leitsatz für die anglikanische Gemeinschaft: nicht verzagen, irgendwie weiterwursteln. Sollte Rowan Williams für das Dokument wirklich jenen „Enthusiasmus” empfinden, den er im Werbefilm von anderen erbittet, kann er seine Gefühle jedenfalls gut verstecken. „Der Bund soll uns helfen, zu einer besseren Gemeinschaft zusammenzuwachsen“, beteuert er. Das wird, sollte der Heilige Geist nicht doch noch eingreifen, Wunschdenken bleiben.

Erschienen in:
Ausgabe 3/2011
Redakteur:
Sebastian Borger (Freier Autor)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Sexualität, Lebensstil