Buße
Brauchen wir die Beichte noch?
Aus: Christ & Welt Ausgabe 33/2012
Das Sakrament ist bedroht, glaubt Tomas Halik. Viele wissen nicht mehr, was Schuld ist. Die Kirche muss handeln, sagt der Prager Theologe und Psychotherapeut

Christ&Welt: Wie viele Beichten haben Sie gehört als Geistlicher?
Tomas Halik: Tausende. Nach meiner geheimen Weihe in Erfurt 1978 konnte ich nur in einem kleinen Kreis im Geheimen als Priester arbeiten. Meine Hauptaufgabe war es damals, Mitglied in einem Braintrust zu sein in der Untergrundkirche – und auch Berater des damaligen Kardinals Tomasek. Nach der Wende begründete ich eine Hochschulpastoral, eine akademische Pfarrei im Herzen des alten Prag. Dort habe ich in zwanzig Jahren mehr als tausend junge Erwachsene für die Taufe vorbereitet und getauft. Mindestens einmal pro Woche stand ich abends zur Beichte oder zum geistlichen Gespräch zur Verfügung. Manchmal kam ich erst nach Mitternacht nach Hause.
C&W: Eine Beichte ist eine besondere Art des Gesprächs. Was hat diese Arbeit des Zuhörens in Ihnen verändert?
Halik: Aufmerksam und geduldig zuzuhören habe ich schon in meinem früheren Beruf als Psychotherapeut gelernt. Aber als geistlicher Begleiter habe ich Erfahrungen mit spirituellen und moralischen Problemen, mit Krisen, Schmerzen, auch mit familiären Konflikten und anderen Entscheidungssituationen gemacht. Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die zu mir kommen. Ein Priester muss nicht nur Prediger sein, sondern auch geistlicher Begleiter. Wer die Schwierigkeiten der Menschen kennt, kann sich billige Moralpredigten sparen.
C&W: Sie veröffentlichen Ihre „Nachtgedanken eines Beichtvaters“: Träumen Sie von den Beichtgeschichten?
Halik: Manchmal, wenn ich nach Hause komme, kann ich nicht einschlafen. Ich habe den Kopf voll mit diesen Problemen und versuche, für die Menschen zu beten. Dann kann ich vielleicht abschalten und auf andere Gedanken kommen. Als ich einmal abends im Radio Nachrichten hörte, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich sie aus der Perspektive eines Beichtvaters hörte. Künstler, Chirurgen, Geschäftsleute haben ihre Perspektiven, und ein Beichtvater auch. Wenn ich Nachrichten höre, versuche ich, zwischen den Zeilen zu lesen, ich versuche, Rat zu geben oder Mut zuzusprechen. Mein Buch handelt nicht von der Beichte, sondern gibt die Sicht eines Beichtvaters auf die heutigen Probleme wieder.
C&W: Passt die Beichte in die Zeit?
Halik: Anfang des 13. Jahrhunderts schrieb das vierte Laterankonzil die jährliche Beichte als Gesetz vor, eine Revolution in der europäischen Geschichte. Selbsterkenntnis, Selbstreflexion war zuvor allein die Praxis der Großen wie des heiligen Augustinus in seinen „Confessiones“. Doch dann wurde es allgemeine Lebenspraxis, sein Leben zu reflektieren und in der Intimität zu erzählen. Das war ganz neu – und vielleicht eine der Wurzeln des modernen Individualismus.
C&W: Und heute? Was vermag Beichte, was Psychotherapie nicht kann?
Halik: Psychotherapie hat einiges gemeinsam mit der Beichte, aber sie beschäftigt sich meist mit falschen, neurotischen Schuldgefühlen. Doch es gibt auch reale Schuld. Gerade jetzt werden, nicht nur bei uns in Tschechien, viele Korruptionsskandale aufgedeckt. Aber ich sehe, wie sehr die Kategorie Sünde in der öffentlichen Sprache fehlt. Sünde ist etwas Lächerliches geworden. Viele sagen: „Ich habe Fehler gemacht, aber das ist nicht strafbar.“ Sie haben kein Bewusstsein dafür, dass nicht alles, was nicht strafbar ist, moralisch gut ist.
C&W: Wie soll das Beichtgespräch denn die Sünde ausmerzen?
Halik: Wirkliche Sünden kann man nicht nur durch ein Gespräch ausmerzen, das muss ein Reflexionsprozess sein. Man muss die Sache beim Namen nennen. Die Buße, das Bußsakrament ist ein Weg, damit umzugehen. Wenn sie nur ein Ritual ist, hilft sie nicht. Heute ist die Beichte in einer Krise.
C&W: Woran fehlt es?
Halik: Wir brauchen eine Atmosphäre des Vertrauens. Die Beichte muss ein Gespräch sein, ein gemeinsames Beten. Dazu brauchen wir Zeit und Geduld. Es ist gut, wenn Priester eine psychotherapeutische Ausbildung haben. Das kann helfen, die Grenzen der Kompetenzen besser einzuschätzen. Auch in klerikalen Kreisen begegnet man vielen psychopathologischen Erscheinungen. Ich meine nicht nur die Missbrauchsskandale. Um in einem kirchlichen Milieu gesunde Spiritualität, eine geistige und geistliche Gesundheit zu erhalten, braucht man Zeit. Und gewisse psychotherapeutische Techniken.
C&W: Ist es so schwer, im kirchlichen Milieu zu leben?
Halik: Leicht ist es nicht. Jedes Milieu hat seine Schattenseiten, und dieses Milieu ist sehr spezifisch. Ich bin Konvertit und nicht im katholischen Milieu aufgewachsen. Man muss die Konvertiten vorbereiten, dass nach der ersten Begeisterung auch Frustrationen kommen. Die Leute sollen das in starkem Glauben aushalten und Geduld haben.
C&W: Was ist denn genau das Problem bei den Klerikern?
Halik: Na ja, das ist die menschliche Seite der Kirche. Manche erwarten, dass alle Priester Engel sind, dass sie in einer Atmosphäre der Tugend leben. Und es gibt auch verschiedene menschliche Schwächen…
C&W: Mehr möchten Sie dazu nicht sagen?
Halik: Na ja.
C&W: Schade. Wer kommt denn zu Ihnen?
Halik: Zunächst die Suchenden – Gläubige, Atheisten, Zweifelnde. Selbstzufriedene Gläubige, Atheisten und Zweifler brauchen mich nicht. Die Grenze liegt nicht zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen, sondern zwischen Suchenden und Verbleibenden. Viele sind zufrieden in ihren Grenzen des traditionellen Glaubens oder des Atheismus. Aber es gibt auch Suchende, die viele Fragen haben, die unterwegs sind. Sie kommen zu mir, weil sie fühlen, dass ich auch ein Suchender bin.
C&W: Was genau suchen denn die Leute bei Ihnen?
Halik: Das müssen Sie die fragen, nicht mich. Sie erwarten Menschlichkeit, Aufrichtigkeit, Verständnis statt Rituale, sie erwarten einen am Evangelium orientierten, suchenden Glauben statt Bigotterie und Dogmatismus.
C&W: Dann suchen sie also eher eine persönliche Begegnung als ein Ritual der Buße und Vergebung?
Halik: Ja, sicher. Einen Rat, ein Gespräch. Einfühlung, Mitdenken.
C&W: Sie haben, wie Sie sagen, das „verborgene Antlitz der Zeit“ kennengelernt. Meinen Sie damit das „kollektive Unbewusste“?
Halik: Nein, eher die Schattenseite unserer Zivilisation, etwa die Einsamkeit in der Massengesellschaft. Heidegger hat gesagt, die Technik habe alle Distanzen überwunden, ohne Nähe zu schaffen, ein sehr wichtiger Gedanke. Dazu gehört auch die Unzufriedenheit vieler Menschen im materiellen Wohlstand. Oft kommen junge Leute zu mir, aber besonders in der letzten Zeit auch viele Reiche, die neuen Kapitalisten.
C&W: Und, was sagen die?
Halik: Sie sagen: „Wir sind sehr reich, aber wir fühlen uns leer. Wir leben unter Dauerstress, wir haben familiäre Schwierigkeiten und gesundheitliche Probleme, wir sind unglücklich. Was kann die Kirche uns anbieten? Im Westen gibt es Klöster, die sich für gewisse Zeit öffnen. Können Sie uns so etwas anbieten?“
C&W: Wie reagieren Sie darauf?
Halik: Ich spreche oft vor Managern über die spirituelle Kraft von Führungskräften. In unserer Gemeinde organisieren wir Meditationsübungen und Einkehrtage für die Suchenden, auch für ungetaufte. Wenn die Kirche nicht bietet, was sie suchen, suchen sie es woanders, etwa in der Esoterik.
C&W: Sie schreiben von „Vorzeichen im menschlichen Innenleben“. Was kündigt sich da an?
Halik: Nach der Wende eröffnete sich mir die Welt der akademischen Pastoral mit jungen Leuten. Im Gespräch mit ihnen kann man das Kommende wie ein Seismograf spüren. Es ist schwer, das genau zu beschreiben, es ist eher eine Intuition.
C&W: Und was spüren Sie da?
Halik: Eine große Krise der Zivilisation. Ich glaube, dass die ökonomische
Krise nur ein Aspekt einer epochalen Krise ist. Ich spüre etwas Ähnliches
wie bei der kulturellen Revolution 1968. Die jungen Leute in aller Welt reagieren nicht nur politisch auf die Krisenphänomene, das ist nicht nur
eine spontane Reaktion auf soziale Probleme, sondern eine tiefere Unzufriedenheit.
C&W: Viele Unzufriedene werden in der Folge radikal religiös.
Halik: Es entwickelt sich eine radikale Differenz zwischen zwei Extremen, dem religiösen Fundamentalismus und Nationalismus einerseits und einem radikalen Laizismus andererseits. Beide Extreme sind falsch. Kürzlich habe ich in Polen eine Demonstration von Radio Maryja gesehen. Ich spürte eine gefährliche nationalistische, sehr primitive Ideologie, diese Leute mit den Kreuzen in den Händen, auf der anderen Seite der militante neue Atheismus: Die Kluft zwischen beiden ist groß, aber beide sind einander ähnlich. Sie provozieren einander. Wir müssen eine via media finden, einen Mittelweg.
C&W: Wie soll die Institution Kirche auf die Nöte der Zeit antworten?
Halik: Wenn die Kirche nur eine Institution neben anderen ist, kann sie
nicht helfen. Kirche darf sich nicht als Organisation verstehen, sondern als
Organismus. Die Kirche sollte wieder eine Schule sein, eine Schule der praktischen Tugenden wie die mittelalterliche Universität. Die war eine Gemeinschaft gemeinsamen Erlebens, Lernens und Betens. Das ist mein Ideal für die Kirche von morgen, eine Gemeinschaft, in der die Leute zusammen
die Wahrheit finden. Wir brauchen solche Zentren der Meditation, des
Lernens.
C&W: Die kirchliche Realität wirkt weniger ideal: Viele Gläubige haben Angst, Priester mit abweichenden Meinungen werden kujoniert. Wie kann eine undemokratische Kirche den Leuten helfen?
Halik: Die Kirche hat hierarchische, demokratische und charismatische Strukturen. Wir brauchen Hierarchien, um die Traditionen zu bewahren. Die Weitergabe der Tradition ist eine theologische Aufgabe; die Lehre muss immer neu reflektiert werden, dazu brauchen wir ein kreatives Magisterium – nicht nur eines der Bischöfe, sondern auch eines der Theologen. Die Kirche hat auch demokratische Strukturen, viele Orden wählen ihre Vorsteher selber, auch der Papst ist gewählt. Und es gibt charismatische Strukturen, besonders charismatische, prophetische Gestalten finden wir unter den Heiligen. Alle drei Strukturen gehören zur Kirche. Natürlich gibt es Spannungen. Aber auch daraus kann Richtiges entstehen.
C&W: Das ist eine sehr diplomatische Antwort. Sie sind gegen den Optimismus des Fortschritts und zugleich gegen den religiösen Optimismus. Warum?
Halik: In Tschechien sagen wir: Ein Optimist ist jemand, dem Informationen fehlen. Religiöser Optimismus geht davon aus, dass uns Gott als Deus ex Machina von allen Problemen befreit, dass wir nur einen Gebetskreuzzug brauchen, um den lieben Gott zu manipulieren, damit er alles regelt. Solcher Optimismus ist eine Karikatur der Hoffnung – wie die Vergnügung eine Karikatur der Freude ist. Ich bin kein Pessimist, aber ich hoffe.
Der tschechische Philosoph und Psychologe Tomas Halik studierte in
den Siebzigerjahren im Untergrund Theologie und wurde 1978 in der DDR zum Priester geweiht. Johannes Paul II. ernannte den habilitierten Theologen und Soziologen zum Konsultor des Päpstlichen Rats für die Kultur. Halik ist
Professor für Soziologie an der Prager Karlsuniversität. Sein Buch „Nachtgedanken eines Beichtvaters. Glaube in Zeiten der Ungewissheit“ ist im Herder Verlag erschienen (319 Seiten, 16,99 Euro).





