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Katholizismus

Bitte macht nicht dicht!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 12/2011

Die Kirche hat einen Dialogprozess ausgerufen, doch noch dominieren Denkblockaden. Ob konservativ oder liberal: Jeder pflegt hingebungsvoll seine Feindbilder.

Eigentlich müsste es einer innerkirchlichen „Dialogoffensive“ gar nicht bedürfen. Schließlich ist die katholische Kirche in Deutschland eh schon ständig mit sich im Gespräch. Und zwar nicht nur durch die regelmäßige Präsenz von Bischöfen, Weihbischöfen und Generalvikaren in den Gemeinden anlässlich von Visitationen, Firmungen, Jubiläen oder Einweihungen, sondern noch regelmäßiger auf dem Forum ihrer weitgefächerten Publizistik. In kircheneigenen, kirchlich mitgestalteten und unabhängigen katholischen Medien kommen sie alle zu Wort: Bischöfe und Theologieprofessoren, Priester und Laien, Gremien- und Vereinsvertreter, Frauen und Männer, Konservative und Progressive.

Wird dennoch ein Dialogmangel beklagt, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Die Kläger könnten unter Dialog eigentlich verstehen, dass ihre Positionen sich gefälligst durchsetzen müssten. Anders lässt sich kaum erklären, dass einige beim Thema Zölibat noch immer „mehr Dialog“ anmahnen. Die zweite, realere Form von Dialogmangel besteht darin, dass in der deutschen katholischen Publizistik die Positionen viel zu wenig ausgetauscht werden. Man sucht und findet in seinem katholischen Blatt, in seinem Sender und auf seinem Kongress am liebsten seine eigene Meinung wieder – nur vielleicht schöner gesagt, intelligenter begründet und prominenter repräsentiert. Man vermeidet kognitive Dissonanz – also Irritation durch zum eigenen Standpunkt konträre Informationen, Argumente, Eindrücke –, denn kognitive Dissonanz ist anstrengend, geht auf die Nerven, stört die Harmonie, raubt Zeit, weil sie zum Nachdenken zwingt. Die Vermeidungsstrategien sind in allen „Lagern“ verbreitet. Man bleibt lieber unter sich bei den „Papsttreuen“ und bei den „kritischen Katholiken“ und auch im deutschkatholischen Justemilieu des Kirchenfunktionärsbiotops (welches substanziell nicht genau zwischen den beiden Lagern, sondern näher bei den „kritischen Katholiken“ steht, nur moderater auftritt).

Man hat klare innerkirchliche Feindbilder und pflegt sie mit Hingabe. Dass die Weltkirche sich 2005 ausgerechnet einen Papst erkor, der manchen ein Lieblingsfeindbild ist, schockierte die antirömische Partei; und dass der Mainzer Kardinal Karl Lehmann so lange die deutsche Bischofskonferenz führte, quälte das Fuldaer Lager der Bewahrer. Diese erscheinen schon quasi von Natur aus unwillig, der abweichenden Meinung, dem Irrtum, der Häresie öffentlichen Raum zu geben. Dass sie die Kostbarkeit offenbarter und tradierter ewiger Glaubenswahrheiten und sittlicher Grundgebote vor dem Anpassungsdruck zeitbedingter Geistesmoden schützen wollen, sollte man als ehrenwerte Grundhaltung respektieren.

Das Problem ist nur: Der affirmative Reflex fängt bei vielen Anhängern der Rechtgläubigenpartei schon weit im Vorfeld des Dogmas an und erstreckt sich oft auch auf Überzeugungen, kirchliche Formen und Autoritäten, die nicht notwendig als unfehlbar, unveränderlich und vielleicht nicht einmal als genuin christlich zu betrachten sind. Da werden zum Beispiel familienpolitische Positionen mit einer Inbrunst als einzig legitim katholische vertreten, die weniger von Rechtgläubigkeit als von der „Rechts-Gläubigkeit“ eines ideologischen Konservativismus zeugen. Da werden sich Freunde des tridentinischen Ritus spinnefeind über die Frage, ob es nur gelegentlich oder regelmäßig die „alte Messe“ sein müsse. Und schließlich wird der eine Publizist gegen die Widerrede eines anderen abgeschirmt mit der Begründung, da dürften sich doch „nicht zwei katholische Autoren gegenseitig verkloppen“.

Folglich sucht man die in der Qualitätspresse übliche Rubrik „Pro und Contra“ oder das Genre der Replik im konservativ-katholischen Meinungsjournalismus oft vergeblich. Man pflegt die Fiktion einer Einheitsmeinung des eigenen Lagers selbst in diskutablen Fragen zweiter und dritter Ordnung.

Wer aufbegehrt gegen das Prinzip der „gelenkten Öffentlichkeit“, wird zum Beispiel ermahnt: „Du triffst die falschen Freund-Feind-Entscheidungen!“ oder gewarnt: „Pass auf, dass du nicht irgendwann ziemlich einsam dastehst.“ Wer das jüngste „Memorandum“ kritischer deutscher Theologen kritisiert, jedoch den Vorwurf von Kurienkardinal Walter Brandmüller übertrieben nennt, die Theologen machten sich einer „Beleidigung Jesu“ schuldig, handelt sich schnell die Schelte ein, er verpasse Gleichgesinnten offenbar gerne „Tritte in den Unterleib“. Derartige Vorstellungen, was wer sagen darf und was nicht, können selbst einen Konservativen, der aber ein Liebhaber von Geistesfreiheit und vernünftiger Disputation ist, auf Dauer in die Emigration treiben.

Doch wer meint, auf der anderen Seite des kirchenideologischen Grabens gehe es freier, dialogfreudiger zu, muss böse Überraschungen gewärtigen. „Liberale Katholiken“ können sehr intolerant werden, wenn ihnen jemand zu sehr nach „Rom“ oder „Fulda“ riecht. Da scheitert das Vortragsengagement eines Autors leicht schon mal an der Entdeckung im Internet, dass er auch beim Forum Deutscher Katholiken aufgetreten ist – und damit als kontaminiert zu gelten hat. Beliebt sind auch Verdächtigungen: Wer theologisch oder kirchenpolitisch konservativ denkt und trotzdem nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, der kann im Kirchenbild mancher Deutschkatholiken nur Mitglied des Opus Dei sein.

Sich für Joseph Ratzingers Theologie zu begeistern oder Papst Johannes Paul II. zu bewundern disqualifizierte lange Zeit für nahezu alle Ämter in der deutschen katholischen Kirche, vom ZdK-Sitz bis zum Bischofsstuhl von Diözesen, in denen ein Domkapitel wählt. Der „reformkatholische“ Mainstream kooptiert lieber seinesgleichen, als einen Dialog mit den „Andersdenkenden“ zu führen oder gar Einflusspositionen mit ihnen zu teilen. So gelangen selbst bekannte katholische Publizisten kaum auf ein Podium des Katholikentags. Die romorientierte Bewahrerpartei wurde so subtil, aber konsequent ausgegrenzt, dass sie ihr eigenes Ding aufzog, etwa mit dem Kongress „Freude am Glauben“. Die Initiatoren und Unterstützer des „Memorandums 2011“ deutschsprachiger Theologieprofessoren sind so dialogfreudig, dass sie als konservativ eingeschätzte Kollegen gar nicht fragten, ob sie unterschreiben wollten oder wie sie über den Text dächten.

Die Konsequenzen der wechselseitigen Dialogverweigerung liegen auf der Hand: Tendieren kognitive Mehrheiten – wie Hans Conrad Zander in seinem Buch „Zehn Argumente für den Zölibat“ ausführt – nach errungener kultureller Hegemonie tendenziell zur Denkfaulheit, so haben kognitive Minderheiten die Chance, durch den häufigen Impuls zur Selbstrechtfertigung ihres Andersseins langfristig klüger, engagierter und damit zukunftsfähiger zu werden. Wenn sie sich allerdings als verschworene Gruppe mit einem starken Konsens in ihrem „groupthink“ einkapseln und selbstreferenziell werden – also in ihrer einhundertprozentigen Milieumehrheit leben –, ist auch ihr Weg in die Erstarrung vorgezeichnet. Das ausgeprägte Freund-Feind-Denken und die Selbstgerechtigkeit beider „Lager“ schädigen Dialogfähigkeit und Erkenntnisfortschritt.

Um nicht missverstanden zu werden: In einer katholischen, allumfassenden Kirche darf es viele „Wohnungen“ geben, eine Pluralität theologischer Schulen und Publikationen, Spiritualitäten und Charismen. Man muss nicht überall alles finden können. Aber etwas mehr Durchlässigkeit und Großzügigkeit auf dem Forum katholischen Geistes darf es schon sein, damit wir wieder mehr voneinander lernen können und heilsame Verunsicherung in unseren festgezimmerten Selbstgewissheiten erfahren. „Prüfet alles, das Gute behaltet“ ist uns aufgetragen. Da steht nicht: „Prüfet alles, und was euch ins Konzept passt, behaltet.“

Erschienen in:
Ausgabe 12/2011
Redakteur:
Andreas Püttmann (Freier Autor)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Kirchen