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Brief an die Bundeskanzlerin

Betr.: Bio-Wahnsinn

Aus: Christ & Welt Ausgabe 32/2012

Fachleute warnen: Nicht nur doe Polkappen schmelzen, sondern auch das Ansehen der Regierung nach der Energiewende.

Wieder einmal müssen sich die Vorreiter der Energiewende attestieren lassen, weit über das Ziel hinausgeschossen zu sein. So warnte jetzt die weltweit angesehene Nationalakademie Leopoldina in Halle an der Saale vor den Folgen der Bioenergie, und die ZEIT forderte daraufhin den Stopp des „Bio-Wahnsinns“. Das sind nur zwei Indikatoren eines bemerkenswerten Sinneswandels, der offenbar keine der hoch gepriesenen alternativen Energieformen mehr verschont. Ob es die Windkraft mit ihrem verheerenden Landschaftsfraß ist oder die maßlos überförderte Solarenergie – überall mehren sich Zweifel an Sinn und Zweck einer Energiewende, bei der vieles offenbar nicht zu Ende gedacht wurde und die Politik wieder einmal an der Komplexität ihrer Aufgabe zu scheitern droht.

Ich schreibe Ihnen das ohne sarkastischen Unterton, aber doch mit einem Kopfschütteln angesichts der Veränderungen in einer bürgerlichen Partei. Es gab eine Zeit – und so lange liegt sie noch gar nicht zurück –, da war man stolz, auf die großen politischen Gesten verzichten zu können; da versuchte man lieber mit Augenmaß zu regieren und nach den Regeln des ehrbaren Kaufmanns. Auch als die Ideologie, die linke zumal, in die deutsche Politik zurückkehrte, gab es lange noch diesen Typus von Politik. Er war so schrecklich langweilig, so furchtbar bieder und er befriedigte überhaupt nicht das Verlangen nach großen Entwürfen. Man wollte eben noch keine Gesellschaft umfunktionieren oder gar umbauen. Konservativ hieß damals nicht reaktionär, sondern realistisch.

Gerade für Ihre Partei war das ein Qualitätssiegel. Doch das scheint lange her, und wenn man nach den Anfängen des politischen Stilwandels sucht, dann stößt man unweigerlich auf den Fall der Mauer und den Beginn der Berliner Republik. Der neue Stil des sprunghaften Wechsels, der vagen Visionen und kühnen Behauptungen, der unkalkulierbaren Folgen und maßlosen Geldsummen hat auch den Kern jeder gutbürgerlichen Politik erodiert. Denn der Vorwurf, dass es uns heute an Good Governance fehlt, begründet sich ja nicht nur in der Finanzkrise und einer aktionistischen Feuerwehrpolitik. Dieser Vorwurf hat sehr viel mehr mit dem Eindruck zu tun, dass die heutige Führungselite selbst wesentlich kleineren Problemen nicht mehr gewachsen ist, ob sie nun Berliner Flughafen heißen, Stuttgart 21 oder Hamburger Elbphilharmonie.

Und um den Bogen zu schließen, liebe Frau Merkel: Das gilt auch für Ihre Energiewende, deren wahltaktisches Kalkül nicht zu übersehen war und deren Konsequenzen nun immer deutlicher werden. Ich glaube Ihnen gerne, dass Ihnen das Weltklima und die abschmelzenden Gletscher Sorge bereiten. Das dahinschmelzende Ansehen der Politik aber müsste es ebenso.


Erschienen in:
Ausgabe 32/2012
Redakteur:
Johann Michael Möller (Hörfunkdirektor MDR)
Thema:
Brief an die Bundeskanzlerin
Stichworte:
Kultur, Innenpolitik, Außenpolitik, Lebensstil, Wirtschaft