Alleinvertretung
Beten auf Dienstanweisung
Aus: Christ & Welt Ausgabe 48/2011
In der Türkei heißt Laizität nicht Trennung von Staat und Religion, sondern Kontrolle der Religion durch den Staat. Eine riesige Behörde regelt alle Bereiche des Glaubens – mit grotesken Folgen.
Wenn in deutschen Moscheen der Muezzin ruft und die Gläubigen sich im Gebet gen Mekka verneigen, geschieht dies alles auf Weisung aus Ankara. Dort in der türkischen Hauptstadt sitzen in einem Büro mit Gummibaum und Pinnwand zwei verbeamtete Astronomen im siebten Stock des Religionsamtes und rechnen nach Sonne und Sternen die Gebetszeiten für alle türkischen Muslime aus – für Adana wie auch für Aachen, für Bursa wie Berlin und auch für Illertissen, Soest und Wesel. Wenn es um den Islam geht, überlässt der türkische Staat nichts dem Zufall. Anders als viele Menschen hierzulande denken, bedeutet das türkische Modell des „Laizismus“ nicht die Trennung von Staat und Religion, sondern die staatliche Kontrolle über die
Religion. Und das Instrument dieser Kontrolle ist das Religionsamt Diyanet.
Eine gewaltige Behörde ist dieses Religionsamt, eine der größten der Türkei, mit derzeit 106 000 Planstellen, einem mächtigen Ministeriumsbau in der Hauptstadt und einem Jahreshaushalt von rund einer Milliarde Euro. Eine eigene Gewerkschaft vertritt die Rechte und Belange ihrer Mitarbeiter, ein eigenes Nachrichtenportal widmet sich ihren Interna. Die meisten Mitarbeiter sind über das Land – und teilweise sogar das Ausland – verteilt: Jeder Prediger, Imam oder Muezzin in den 80 000 Moscheen der Türkei wird vom Religionsamt geheuert und gefeuert, jeder Mufti in den 81 Provinzen des Landes ist ein Beamter des türkischen Staates. Selten wurde so etwas Unkontrollierbares, weil Überweltliches wie die Religion so perfekt von einer weltlichen Instanz verwaltet.
In der Zentrale schreiben verbeamtete Theologen die Predigten, die beim Freitagsgebet in den Moscheen des Landes verlesen werden. Zwar dürften die Imame vor Ort seit einiger Zeit ihre eigenen Predigten schreiben, doch stützen sie sich meist weiterhin auf den vorgegebenen Text – oder lassen die Predigt gleich aus der nächsten Provinzzentrale des Amtes live in ihre Moschee übertragen, wo sie körperlos und blechern aus den Lautsprechern quäkt. Der seit Jahresbeginn amtierende neue Religionsamtschef Mehmet Görmez gilt als Erneuerer. Er will mit diesem Brauch aufräumen. In mehreren Provinzen begann jetzt ein Pilotprojekt, bei dem Imame dafür gewonnen werden sollen, die Predigt selbst vorzutragen. Es ist ein erster, wenn auch noch sehr kleiner Riss im an sich stabilen Mauerwerk des Zentralismus.
Im Religionsamt ist auch die höchste religiöse Autorität des Islam in der Türkei beheimatet, der Hohe Glaubensrat, der für die sogenannten Fatwas zuständig ist, die theologischen Rechtsgutachten zur Auslegung des Islam. In ihrer Bibliothek im Hauptquartier sitzen die islamischen Rechtsgelehrten des Glaubensrats – auch sie Beamte – über den Überlieferungen des Propheten Mohammed und entscheiden über Alltagsfragen des Glaubens. Ihre Dienste sind gefragt: Allein in Istanbul melden sich jährlich 70 000 Anrufer bei der amtlichen „Hallo Fatwa“-Hotline des Amtes und suchen Rat für knifflige Fragen. Kürzlich wandte sich sogar ein Prostituiertenverein an den Glaubensrat und bat um Genehmigung von Kurzzeit-Ehen mit den Freiern – der Rat lehnte ab. Doch dass eine solche Anfrage überhaupt ernsthaft geprüft wird, ist für ein muslimisches Land schon bemerkenswert. Das spricht für eine aufgeblähte Bürokratie, dort wo man sie am wenigsten erwarten würde, im Bereich des Glaubens, es spricht aber auch für das Vertrauen vieler Türken in das Prinzip einer staatlichen Religionsregulierung, die selbst da noch akzeptiert wird, wo sie ans Groteske und Kafkaeske grenzt.
Das gilt auch für den Bildungssektor. Eine Abteilung des Religionsamtes etwa schreibt die Lehrbücher für den Religionsunterricht, der an allen staatlichen Schulen Pflichtfach ist, und für die Korankurse im ganzen Land, die nur vom Staat angeboten werden dürfen. Die Hadsch-Abteilung organisiert die Pilgerreise nach Mekka, die jeder Muslim einmal im Leben machen sollte. Von der Verlosung der Kontingentplätze über die Impfungen bis zur Reiseleitung nimmt das Amt alles in die Hand: Pilgern Sie ans Ziel Ihrer Träume mit dem Reisebüro Diyanet.
Ein paar Flure weiter werden die Publikationen des Religionsamtes erstellt – alles von Büchern und Monatszeitschriften über religiöse Themen bis zu einer eigenen App des Amtes, die Gebete und Gebetszeiten aufs iPhone liefert. Nicht nur auf Türkisch wird hier publiziert, sondern auch auf Deutsch, Englisch und Russisch, auf Mongolisch, Uigurisch und Tatarisch. „Ich lerne meine Gebete“ und „Ich lerne über den Propheten“ heißen die Titel aus einer vielfach übersetzten Buchserie. Aber auch theologische Abhandlungen umfasst das Programm.
Zum Amt gehört auch eine Auslandsabteilung, die Geistliche für die türkischen Diaspora-Gemeinden ins Ausland entsendet. Vor allem die nach Deutschland entsandten Geistlichen werden seit einigen Jahren nicht mehr nur seelsorgerisch, sondern auch mit Sprach- und Landeskundekursen – teils in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut – auf ihren Einsatz vorbereitet; dafür hatte sich der reformorientierte Ali Bardakoglu eingesetzt, der das Amt bis zum vergangenen Jahr leitete. Angesichts ihrer winzigen Zahl – nur 30 von 60 000 Imamen des Amtes sind in Deutschland tätig – gehen ihre speziellen Bedürfnisse aber in der Mega-Behörde leicht unter.
Eifersüchtig wacht das Religionsamt über das türkische Staatsmonopol auf den Islam. Wer einen privaten Korankurs eröffnet, macht sich strafbar und kommt hinter Gitter. Wer eine Moschee baut, bekommt einen staatlichen Imam geschickt, der die Gemeinde übernimmt. Wer als Imam nicht die amtliche Linie predigt, wird gefeuert. Und wer an einer heiligen Stätte so betet, wie es ihm passt – und nicht dem Amt –, der handelt sich leicht eine Rüge und einen Verweis auf die Verbotsschilder ein, die an solchen Stätten stets aufgehängt sind: Anbeten, opfern und abergläubische Rituale seien im Islam verboten, mahnt das Religionsamt da auf großen Tafeln.
„Wenn wir keine Geistlichen in die Moscheen entsenden, dann holen die Gemeinden den nächsten zerlumpten alten Mann von der Straße, stellen ihn in die Gebetsnische und lassen ihn predigen“, rechtfertigte Ali Bardakoglu als Amtschef einmal seine Behörde. „Was der dann predigt, das wissen nur Gott und die Gemeinde – und nach ein paar Jahren findet man dort dann die absurdesten Auffassungen.“ Was geschehe, wenn man den Gläubigen im Islam freie Hand lasse, das habe der Westen ja erlebt, sagte Bardakoglu. „Die westlichen Staaten können da noch einiges von der Türkei lernen.“
Die staatliche Kontrolle über den Islam hat in der Türkei sowohl historische Wurzeln als auch politische Hintergründe. Übernommen wurde die Verknüpfung aus dem Osmanischen Reich, wo der Sultan als weltlicher Herrscher zugleich auch Kalif und damit geistliches Oberhaupt war. Zwar schaffte der türkische Staatsgründer Atatürk bald nach dem Sultanat auch das Kalifat ab, doch gründete er noch am selben Tag im März 1924 das Religionsamt, das bis heute direkt an das Ministerpräsidentenamt angebunden ist. Seit dem Militärputsch von 1960 hat das Religionsamt sogar Verfassungsrang. Sein Chef rangiert im türkischen Protokoll heute unter den ersten zehn Repräsentanten des Staates.
Ungeniert nutzt der türkische Staat das Religionsamt als Ordnungsinstrument. In den Moscheen wird freitags über gesellschaftspolitische Ziele wie Umweltbewusstsein oder Frauenrechte gepredigt, und vor den amtlichen Fatwas muss keine weltliche Macht erzittern. Erst vor ein paar Tagen erhielt die Behörde wieder einen politischen Auftrag der Regierung: In Zusammenarbeit mit dem Familienministerium soll sie die Gewalt gegen Frauen eindämmen, die in türkischen Familien noch allzu verbreitet ist. Mit einer groß angelegten Kampagne sollen die Geistlichen im ganzen Land die Gläubigen aufklären, dass das im Islam verboten und jede andere Auslegung einschlägiger Koranpassagen häretisch sei.
So praktisch das sein mag für den Staat, mit Religionsfreiheit habe es nicht viel zu tun, kritisieren etwa die Verbände der Aleviten – einer religiösen Minderheit, die sich vom Religionsamt zwangsassimiliert fühlt und bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geklagt hat. Nicht nur die Aleviten und die christlichen Minderheiten fühlen sich vom Amt benachteiligt und ausgegrenzt. Auch von islamistischen Intellektuellen wird der türkische Laizismus als staatliche Gängelei der Gläubigen kritisiert. Statt eines Religionsamtes brauche die Türkei eine echte Trennung von Staat und Religion nach westlichem Vorbild, fordern Islamisten – auf dass jeder nach seiner Fasson selig werden könne.





