Kunstfehler
Ball an der Backe
Aus: Christ & Welt Ausgabe 04/2012
Milchsäure gegen Falten – das ging schief. Doch Stefanie K. glaubt weiter an Chemie und Skalpell.
„Echt gut aussehen“ – so steht es auf ihrem „Beauty Pass“. Stefanie K. bewahrt ihn auf. Minutiös sind dort ihre kosmetischen Operationen aufgelistet. Doch zufrieden ist die 46-Jährige nicht. Sie hadert mit sich selbst, mit den Ärzten, die sie behandelt haben, und mit der Füllsubstanz Skulptra, die unter ihrer Haut wuchert.
Seit zwei Jahren kämpft die Immobilienmaklerin gegen die mutmaßlichen Nebenwirkungen der Milchsäure in ihren Mundwinkelfalten. Dicke Knoten haben sich gebildet, die Haut eitert und nässt. „Ich habe jetzt noch einen Ball in der Backe“, sagt sie. Ohnmacht, Wut und Schmerz kommen auf, wenn sie die Granulome in ihrem Gesicht abtastet. „Ich wollte eigentlich mein Gesicht in Youtube stellen, so schlimm ist es.“
Dabei fing alles so gut an. Im Januar 2009 fragte sie ein befreundeter Mediziner, ob sie als „Model“ an einem Seminar über Skulptra teilnehmen wolle. Auf der Fortbildung machte ein renommierter Schönheitschirurg aus Düsseldorf die Teilnehmer mit den neuesten Spritztechniken vertraut. „Ich hab gedacht, toll, dann kriegst du mal etwas, was du dir sonst nicht leisten kannst“, erinnert sie sich. Hoffnungsvoll ließ sie sich die Milchsäure unter ihren Nasolabialfalten einspritzen. Zwölf Monate lang freute sie sich über ihre geglätteten Gesichtszüge. Doch zufrieden war sie mit ihrem Aussehen nicht. Denn nach den geglätteten Mundwinkeln stach nun ihre tiefe Sorgenfalte auf der Stirn besonders hervor.
In der tiefen Falte spiegelten sich für Stefanie die Dramen ihres Lebens wider: die gescheiterte Ehe, die langwierige Trennung, der Kraftakt als alleinerziehende Mutter zweier Söhne, der Ärger mit Banken und Finanzamt, die ständige Geldnot. Stefanie fühlte sich gebrandmarkt, ja entstellt. Die Furche auf der Stirn war „so tief, als ob jemand mit der Axt hineingeschlagen hat“, in ihr tat sich der Abgrund ihres Lebens auf.
Die Falte sollte weg. Doch beim Blick in den Spiegel fiel ihr etwas anderes auf: Im Mundwinkel tauchten ein Jahr nach der Milchsäure-Injektion dicke, harte Knoten unter der Haut auf. Es wurden mehr, immer mehr. Panisch verbrachte Stefanie K. ihre Nächte in Internetforen und erfuhr, dass die Milchsäure-Injektion nicht nur bei ihr Probleme verursacht hatte. Sie trat die Flucht nach vorn an: Immer wieder fuhr sie in die Schönheitsklinik und ließ sich so oft Cortison spritzen, bis sich die Milchsäure auflöste.
Und weil sie sowieso in Behandlung war, ließ sie auch die Sorgenfalte glätten. Allerdings nicht mehr mit Milchsäure, sondern mit Botox und Hyaluronsäure. Alle sechs Monate muss sie nachspritzen, damit die Wirkung anhält.
Stefanie K. zieht tief an ihrer Zigarette und spült einen kräftigen Schluck Wein hinterher. Es ist ihr egal, dass es kalt ist in der Raucherecke. Und es ist ihr auch egal, dass ihre schwarz gefärbten Haare sich in nasse Strähnen verwandeln. Die Geschäftsfrau ist hart zu sich selbst und hart zu anderen. Sie fühlt sich als Kämpferin und hat für Zeitgenossen ohne Kampfgeist wenig Sympathie übrig. Warum auch? Muss sie sich nicht tagtäglich auf dem Immobilienmarkt behaupten? Und natürlich auch auf dem „Markt“ der Frauen? Die Schönheitschirurgie hilft ihr dabei, das glaubt sie noch immer, auch wenn sie fürs Schönsein gelitten hat.
Für Stefanie K. ist die Gesellschaft ein Schlachtfeld, auf dem nur derjenige überlebt, der sich gegen die Konkurrenz durchsetzt. Für sie ist es selbstverständlich, die Augenbrauen und Lippenkonturen zu tätowieren, die Haare zu färben und Make-up aufzulegen. „Man kann nicht mit grauen Haaren, einer krummen Nase oder einem Hängebusen herumlaufen, das geht nicht“, ist sie überzeugt. „Ich mache das für mich und meine Söhne, aber auch, um in der Gesellschaft zu bestehen.“ Und wenn es nach ihr ginge, sollte Schönheitspflege für jede Frau ab 40 Pflicht sein.





