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Evangelisch

Auf der Suche nach der göttlichen Wahrheit

Aus: Christ & Welt Ausgabe 01/2012

Verliebt, verlobt, umgezogen: Vikarin Carmen Häcker setzt ihre Ausbildung in Berlin fort

Gibt es einen oder mehrere Wege zu Gott? Für Christen gibt die Bibel auf diese Frage eine klare Antwort: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ – so wird Jesus im Johannesevangelium (14,6) zitiert.

Vikarin Carmen Häcker kennt dieses Bibelzitat. Sie kennt die Debatte um den Absolutheitsanspruch des Christentums, der sich auf den viel zitierten Vers begründet. Doch die 28-jährige Stipendiatin des Evangelischen Stifts Tübingen will sich mit diesem Diktum nicht abfinden.

Sie, liebe Leserinnen und Leser, kennen Carmen Häcker. Die Vikarin erhielt kurz nach der Heirat mit ihrem muslimischen Ehemann aus Bangladesch eine fristlose Kündigung von ihrer württembergischen Landeskirche. Der Grund: Laut Paragraf 19 des württembergischen Pfarrgesetzes müssen Ehegatten von Pfarrern und Vikaren evangelisch sein. Christ?&?Welt berichtete in seiner Ausgabe Nr. 48 vom 24.?November 2011 über die Gewissensnöte und den theologischen Spagat der angehenden Pfarrerin.

Nun hat der Fall, der bundesweit Aufsehen erregte und auch innerhalb der evangelischen Kirche für Ausein?andersetzungen sorgte, eine neue Wendung genommen. Denn Carmen Häcker wird gemeinsam mit ihrem Mann nach Berlin ziehen und dort vom 1.?Februar 2012 an ihr Vikariat in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) fortsetzen. Ein größeres Weihnachtsgeschenk hätte es für die Vikarin und ihren Mann Monir Khan wohl nicht geben können.

Zwar sind auch in ihrer neuen Heimat, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, interreligiöse Ehen im Pfarrhaus die Ausnahme. Doch im Gegensatz zu Württemberg befinden sich Christen in der Hauptstadt in der Minderheit. Nur 30 Prozent der rund 3,5 Millionen Einwohner gehören einer christlichen Kirche an. „Nicht immer finden Pfarrer oder Pfarrerinnen einen Ehepartner aus dem christlichen Spektrum“, weiß EKBO-Sprecher Volker Jastrzembski. Das Ausführungsgesetz für den Pfarrdienst erlaube daher im Einzelfall auch die Übernahme von Pfarrerinnen und Pfarrern, deren Partner keiner christlichen Kirche angehörten. Juden, Muslime oder Atheisten dürfen unter drei Bedingungen ins Pfarrhaus einziehen: Der Partner muss den Dienst unterstützen, gemeinsame Kinder müssen getauft und die Eheschließung muss mit einem Gottesdienst gefeiert werden.

Carmen Häcker ist entschlossen, den interreligiösen Dialog an der Spree fortzusetzen. „Wir können dem anderen nicht den Zugang zur Wahrheit absprechen“, ist sie überzeugt. „Dem anderen“ – hinter dieser Formulierung verbirgt sich nicht nur ihr muslimischer Ehemann Monir Khan aus Bangladesch. Dahinter verbirgt sich auch ihr ganz persönlicher Wunsch nach Respekt vor Gläubigen anderer Religionen, und ihr Glaube daran, dass dies trotz aller Probleme wirklich möglich ist.

Carmen Häcker glaubt an ihre Mission, und es scheint, als hätte sie in Berlin die Möglichkeit, an der Umsetzung zu arbeiten. Denn im religiös rauen Klima an der Spree setzt man auf Dialog und Pragmatismus. „Für Christen führt der Weg zu Gott über Jesus, für Juden und Muslime eben nicht“, erklärt Sprecher Jastrzembski. Es sei eine Erkenntnis des jüdisch-christlichen Dialogs, dass man die unterschiedlichen Wege nebeneinander stehen lassen könne, ohne die Ansprüche an die eigene Wahrheit zurückzustellen.

Im kommenden Jahr will die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz einen Beauftragten ernennen, der sich eigens um den interreligiösen Dialog bemüht. Es sieht also ganz so aus, als würde Carmen Häcker in der Hauptstadt dringend gebraucht. Ende gut, alles gut? Wir von Christ?&?Welt jedenfalls wünschen nicht nur Carmen Häcker, sondern auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein gesegnetes und erfülltes neues Jahr!

Erschienen in:
Ausgabe 01/2012
Redakteur:
Astrid Prange (Redakteurin)
Thema:
Christ&Welt
Stichworte:
keine