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Sterben

Auch Selbstmord ist Mord

Aus: Christ & Welt Ausgabe 50/2012

Ein Suizid kann ein menschenwürdiger Tod sein, schrieb der Liedermacher Konstantin Wecker in der vergangenen Woche. Jetzt widerspricht ihm der medienerfahrene Kapuzinermönch Paulus Terwitte: Wer sein Leben beendet, missachtet Gottes Willen

Ich widerspreche Konstantin Wecker! Er beschrieb im Leitartikel in der vergangenen Woche die Selbsttötung der Frau des Schweizer Unternehmers Walter Bolinger als Akt der Freiheit. Wecker bezog sich auf eine Talkshow über Suizid, in der ich mitwirkte. Mein Nein zu Bolingers Position lehnte Wecker mit den Worten ab, ich sei „Seelsorger, und man sollte Mitgefühl erwarten“. Im entscheidenden Moment hätte ich jedoch den Anschein erweckt, mitleidslos zu sein: „Als es darum ging, dass sich erwachsene Menschen das Recht auf ihren selbstbestimmten Tod zusprechen wollen.“

Für die Schärfe meiner Äußerungen habe ich mich öffentlich entschuldigt. Sie waren jedoch nicht mitleidslos. Ich empfand vielmehr Mitgefühl mit jenen, die täglich mit dem Tod ringen. Die wieder und wieder versucht werden, sich zu töten. Ich stellte mir vor, was Menschen denken, denen man vorwirft, sie würden gegen bessere Einsicht für das Leben ihres schwer kranken Angehörigen kämpfen. Die Mutter eines geistig behinderten Kindes bestätigte mich nach der Sendung. Sie schilderte, dass sie während der Talkshow niedergekniet war, um für mich zu beten. Sie habe im Blick auf ihr eigenes und das Leid ihres Kindes begriffen, dass es ethisch niemals gerechtfertigt sein könne, Leben zu töten.

In der Talkshow ging es um eine öffentliche Debatte und nicht um Seelsorge. Zum Höhepunkt zeigte der Witwer Walter Bolinger private Szenen aus seiner Ehe. Sein Motiv: die Stärke seiner Frau zu dokumentieren. Sie hatte Monate vorher festgelegt, wann sie sich töten wollte, um nicht in Demenz zu fallen. Das hörte sich an, als wäre Selbstmord eine Möglichkeit, dem drohenden Leid auszuweichen; und das müsse als stark angesehen werden. Selbst wenn der Witwer das nicht intendierte: Die Sendung war so aufgebaut. Die Freundlichkeit, mit der von unterlassener Hilfeleistung und Beihilfe zum Mord erzählt wurde, forderte mich zum Widerspruch heraus. Ich habe zwei schmerzliche Punkte bewusst gemacht: die mangelnde Wertschätzung gegenüber dem Ehemann und die Grausamkeit einer Selbsttötungshandlung. Beide werden oft übersehen.

Mit ihrer – ich unterstelle – Gewissensentscheidung für einen Tod bei klaren Sinnen und gegen das Weiterleben hat sich Frau Bolinger ihrem Mann entzogen. Gott freut sich zwar, sagt die katholische Lehre, über die freie Entscheidung eines Menschen. Doch ist er traurig über ein Gewissen, das sich irrt und sich hat verwirren lassen. Es handelt nicht frei. Daraus folgt die Pflicht, das eigene Gewissen zu schulen.

Alarmiert hatte mich auch die Harmlosigkeit der Erzählung: dass Frau Bolinger, wie auch Wecker schreibt, „friedlich, ja sogar heiter aus dem Leben schied“: Die beiden freundlichen Damen, das unscheinbare Gift im Becher, ein Mann, der das aus Liebe zulässt. Das hört sich nett an. Ist es aber nicht. Das wird klar, wenn man sich den Ablauf härter vorstellt: Der Mann gibt seiner Frau eine Rasierklinge in die Hand, und sie schneidet sich damit die Pulsadern auf. Das ist schmerzhafter und blutiger als ein Giftbecher, aber in der Sache das Gleiche. Und es wird spürbar, dass der Mann Hilfe zum Überleben unterlassen hat. Gefühle sind in Krisensituationen die denkbar schlechtesten Ratgeber. Eine Ethik, die den Namen verdient, muss vor dem Forum der Vernunft Bestand haben. Ermordung, auch die eigene, ist nicht friedlich.

Auch das Argument der Freiheit liegt falsch. Gott erleuchtet nach katholischer Ansicht die Vernunft, damit jeder erkennt: Das Leben nimmt uns in die Pflicht. Ich gehe davon aus, dass auch Konstantin Wecker sich von den Werten des Lebens, der Liebe und des Guten leiten lassen möchte. Dadurch werden wir nicht unfrei. Sondern eben dadurch sind wir frei, um sittlich urteilen zu können.

Wer aber dem Leben dienen will, der kann es nicht töten wollen. Was wäre das auch für eine Argumentation: Ich will nicht mehr leben, weil du, Leben, mich so quälst – also töte ich dich. Albert Schweitzer hat es auf den Punkt gebracht: Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will. Zu dieser Erkenntnis hat ein Arzt seine Patienten zu führen. Und wenn sich in dem Leben Sterben anbahnt, dann darf er dies nicht verlängern. Doch wenn Leben noch leben will, darf weder er es verkürzen noch der, der von diesem Leben beansprucht wird. Diesem Anspruch des Lebens zu genügen bedarf der Gewissensanstrengung der Verzweifelten wie deren Begleiter.

Wer liebt, wird Leben nicht verkürzen und Sterben nicht verlängern wollen. Er wird alle geistigen Werke der Barmherzigkeit tun wollen: Die Unwissenden lehren. Den Zweifelnden raten. Die Betrübten trösten. Die Sünder zurechtweisen. Die Lästigen ertragen. Denen verzeihen, die uns beleidigen. Für die Lebenden und die Toten beten. In der traditionellen Liste steht nicht: Selbstmordwillige unterstützen. Und in der Weltgerichtsszene in Matthäus 25 kann ich mir gar nicht vorstellen, dass Jesus zu denen auf seiner Rechten sagt: Ich war selbstmordwillig, und ihr habt mir applaudiert.

Wie Wecker selber anführt, gab es in Kirche und Gesellschaft immer Gründe, warum man meinte, mit der Tötung menschlichen Lebens Gott oder dem Vaterland einen heiligen Dienst zu erweisen. Heute nun sehen sich selbst anerkannte Künstler wie Konstantin Wecker auf den Plan gerufen, körperliche Gesundheit oder ausgerechnet die Freiheit selbst als Motiv anzugeben, das es einem erlaubt oder gar als Pflicht erscheinen lassen kann, sich zu töten oder Selbsttötung zuzulassen.

Damit ist mir Konstantin Wecker unheimlich. Einer, der das Töten eines Menschen gut findet um eines höheren Gutes willen. Selten hat sich ein Künstler so demaskiert: Im Plauderton des Gutmenschentums heißt er Mord gut. Ich möchte ihm nicht in die Hände fallen, sollte ich mal in einer Lage sein, in der ich mir den Tod wünsche.

Dann wünsche ich mir vielmehr Menschen, die mein Ansinnen verstehen, mit mir klagen und mit mir mitten im Leid Schritte zum Leben gehen. Und sollte ich nur Konstantin Weckers finden: Ich hoffe sehr, dass Gott mich mit all dem leben lässt, was da zu meinem Leben gehört. Und mich sterben lässt, wann er will.

 

Erschienen in:
Ausgabe 50/2012
Redakteur:
Paulus Terwitte (Kapuzinermönch)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Katholisch, Tod