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Kontroverse

Arm, aber froh

Aus: Christ & Welt Ausgabe 41/2011

In der vergangenen Ausgabe (Nr. 40) stand an dieser Stelle das Bekenntnis einer lauen Katholikin, die der Pontifex ratlos zurückließ. Hier verteidigt Matthias Matussek den Papst: Benedikt XVI. ist ein Revolutionär, aber zu wenige merken es.

© www.matthias-matussek.de

Liebe Frau Florin, „der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen“, sagte der Papst. Sie haben sich gemeint gefühlt. Ich kann Sie nicht daran hindern. Wir leben wohl in theatralischen Zeiten, und da spielt jeder seine Rolle. Sie haben mir die des „Papst-Claqueurs“ zugewiesen, des „pathetischen Umkehrers“, des Marxisten und Feuilletonkatholiken, der aus seinem neuen Buch liest, während Sie die Stühle aufstellen, das heißt, die ganz normale Gemeinde-Drecksarbeit machen. Natürlich ist beides falsch. Weder sind Sie lau, noch drücke ich mich davor, Stühle aufzustellen. Von mir aus mehr davon. So viele Stühle gibt es nämlich gar nicht, wie ich sie aufstellen würde für eine Kirche, die wieder in Schwung kommt. Sie haben völlig recht mit Ihrem Leitartikel der letzten Woche, dieser Papstbesuch steckte voller Überraschungen. Auch für mich.

Ich sehe jetzt noch die perplexen Mienen all der Kirchenkritiker und Reformkatholiken, der Memorandumstheologen, der katholischen und protestantischen Amtskirchen-Herren und -Frauen, der Gremienmitglieder und Verbands-Präsidenten, vor allem der Leitartikler, die den Papst in aller vorauseilenden Kulturkampf-Schärfe als unbelehrbaren Reaktionär abgebucht hatten. Und dann das: Er will die Revolution. Er will den neuerlichen Glaubensaufbruch. Er hat die arme Kirche ausgerufen. Sie, Frau Florin, fragen: Hat er die Kirchensteuer gemeint? Ja, die auch, unter anderem. Sie fragen: Will er das Ende der Kirche, wie wir sie kannten? Dreimal ja, Frau Florin, Sie haben es so verstanden und ich auch.

Noch während die in der Kirche verbliebenen Katholiken in ihrem sogenannten Dialogprozess über den Komfort und die Zeitgemäßheit der Glaubensbestuhlung abstimmen, hat der Papst milde vor „Oberflächlichkeiten“ gewarnt. Er hat die Laien gelobt, aber gleichzeitig die Wichtigtuerei mancher Gremienarbeiter belächelt, denn das Wesentliche der Kirche, sagt er, liegt woanders. In der Anbetung.

Ich hatte den Eindruck, dass der Pontifex seiner Kirche in Deutschland in diesen milden Spätsommertagen lauter letzte Worte mit auf den Weg gegeben hat, Vermächtnisworte, denn höchstwahrscheinlich wird er sein Heimatland (in dieser Eigenschaft) ein letztes Mal besucht haben.

Wie höflich er bei alldem geblieben ist! Er hat höflich gelächelt, als ihn der erste Mann im Staat, kaum hatte er den Fuß auf deutschen Boden gesetzt, nörgelnd um Barmherzigkeit für seinen „gebrochenen Lebenslauf“ anging und gleichzeitig unmissverständlich die Sündengeschichte der Kirche erwähnte. Unter uns, Frau Florin: Im Klartext hieß das‚ „was ist schon mein Ehebruch gegen euren Missbrauch“! Unter solchen Prämissen ist jede Beichte, ist das Sakrament der Sündenvergebung obsolet. Der Papst hat auch gelächelt, als ihn der zweite Mann im Staat um ein „unübersehbares Zeichen der Ökumene“ anging, da war er noch nicht mal ans Rednerpult getreten. Dann sprach er zu den Abgeordneten: über ihre Verantwortung, das Naturrecht und den Respekt vor der Schöpfung. Er erklärte den Grünen die grüne Idee.

Und am Abend sprach er als Oberhaupt zu seiner Kirche. Im Stadion klang an, was er in den folgenden Tagen immer neu variierte: Die Kirche ist ein Geschenk. Durch sie und in ihr finden wir zu Gott. Sie ist von Jesus eingesetzt worden. Sie ist nicht dazu da, die „Kirchenträume“ eines jeden Einzelnen zu befriedigen. Das Glück ist ihre erdumspannende Gemeinschaft und ihre weite Geschichte. Er hat geredet und gepredigt unter großartiger Vernachlässigung all der „oberflächlichen und fehlerhaften“ Forderungen nach einem Glauben, der nicht verstört. Er hat gegen die Do-it-yourself-Religion gesprochen. Mit Recht hat er auf „ökumenische Gastgeschenke“ verzichtet, sieht man von der Einladung ab, gemeinsam mit den Protestanten zu beten und mit Luther über die Frage nachzusinnen: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Sollten die nicht zunächst versuchen, bei gerade mal fünf Prozent Gottesdienstbesuchern ihre eigene Bude nach eigenen Regeln vollzukriegen? Was im Übrigen für uns Katholiken und unsere Buden gilt!

Gegen den nie mehr verstummenden Vorwurfslärm von außen, der Pontifex möge doch „eindeutig zum Missbrauch in der Kirche“ Stellung nehmen – er hat es unendlich oft getan –, traf er sich im Stillen mit fünf Opfern. Zwei von ihnen haben sich öffentlich geäußert. Sie waren beeindruckt von Benedikts Bereitschaft, zuzuhören. Eines der Opfer, eine Frau, hatte ihm bekannt, dass sie aus der Kirche ausgetreten und sich der evangelischen Freikirche zugewandt hatte – der Papst war sichtbar erleichtert, „dass sie Gott nicht verloren“ hatte. Er saß dort nicht als Dogmatiker, sondern als Seelsorger.

Immer wieder beschwor er seine Kirche, Ballast abzuwerfen. Er rief auf zur „Entweltlichung“. Das kann in Deutschland nur als Kampfaufruf verstanden werden, der die Fundamente jener „Versorgerkirche“ zum Erzittern bringt, in der Sie, liebe Frau Florin, und auch ich groß geworden sind. Aber verstehen Sie doch bitte – erst jetzt eröffnen sich Chancen. O-Ton Benedikt XVI.: „Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.“ Das ist sein Verständnis der Weltzuwendung, ein völlig neues „aggiornamento“. Ein armer, aber engagierter und fröhlicher Katholizismus. Ich habe die Weltkirche in anderen Erdteilen so erlebt. Ich glaube, ach ich weiß, dass der Papst recht hat.

Dass ich mir dafür den Vorwurf anhören muss, den ein WDR-Kirchenredakteur jüngst auf einem Podium machte – Sie waren Zeuge –, nämlich „Herr Matussek, Sie spalten die Kirche“, hat mich tief verstört. Weil er mir gezeigt hat, wie weit die Kirche in Deutschland abgedriftet ist: dass Unterstützung für das Oberhaupt als SPALTUNG begriffen werden kann.

Nein, Frau Florin, ich glaube, nur mit diesem Neuaufbruch können wir die Kirche in Deutschland retten. Und ich schätze, Sie sind dabei. Sie sind so wenig eine laue Christin, wie ich ein bewusstloser Papst-Claqueur bin. Auch ich habe ein ziemliches Training darin, hinzufallen und wieder aufzustehen. Beide wollen wir doch das Gleiche: eine glaubensstarke und lebendige Kirche.

Erschienen in:
Ausgabe 41/2011
Redakteur:
Matthias Matussek (Publizist und Buchautor)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Katholisch, Papst