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Kein Wunder

Als Luther das Christkind erfand

Aus: Christ & Welt Ausgabe 50/2011

Mit Neid blicken wir Protestanten auf katholisches Brauchtum. Ihm wohnt ein Zauber inne. Aber der Adventskranz war eine evangelische Idee!

Wer Luther und Bach in seinen Reihen weiß, dem dürfte es eigentlich an nichts mangeln. Das abtrünnige Mönchlein hat als Gründungsvorsitzender unseres Vereins die Heilige Schrift in sein wuchtiges Deutsch gezerrt und ganz nebenbei unsere Sprache revolutioniert. Dem Eisenacher Barockkomponisten gelang dasselbe mit der Musik: Seine Orgelwerke liefern einen Vorgeschmack auf die himmlische Musik, die die Seligen dereinst erwartet, wenn sie sich auf Erden als gute Christenmenschen erwiesen haben. Bei zwei solchen Weltgenies braucht es keine Devotionalien mehr, keinen Glaubensklimbim, der an Wallfahrtsorten vertrieben wird.

Doch der Fleiß des Wittenberger Reformators hatte seinen Preis: Zwar kam uns Protestanten das Reich Gottes nun nicht mehr ganz so entlegen vor, aber jeglicher Zauber war verflogen, spätestens, als die Kirche mit ihrem Latein am Ende war. Nicht ohne Neid blicken wir gelegentlich, wenn die Augen von der Bibelexegese müde werden, auf den Glanz des katholischen Lichtwunders, das sich besonders in der Adventszeit offenbart. Wort und Text sind eben doch nicht alles; mit Hermeneutik allein ist das Heilige nicht zu erfassen. Selbst der sprödeste Pietist wird angesichts der beschaulichen althergebrachten Weihnachtsmärkte nicht abschätzig von Budenzauber sprechen. Dass die Katholiken die besseren Zeremonienmeister in Sachen religiöses Brauchtum sind, muss er ihnen einfach zugestehen.

Ja. Es fehlt im Protestantismus an christlichen Brauchtümern. Deren Wesen ist das gut eingespielte Ritual. Wenn das Kirchenjahr den Takt vorgibt, lässt sich der Lebensalltag leichter handhaben, Lasten werden eingebunden. Im Brauchtum versichert sich eine gewachsene kollektive Identität fortwährend ihrer selbst. Das hat etwas Erlösendes und Beruhigendes. Wer sich den Bräuchen unterwirft, wird in Watte gebettet, in der Gemeinschaft aufgehoben. Doch in unseren protestantischen Vereinsstatuten ist Behaglichkeit nicht vorgesehen. Wir treten einzeln vor Gott, mit der ganzen Last unseres Gewissens, kein Geistlicher kann uns Absolution auf Erden erteilen, kein Gemeinschaftsgefühl rettet da unser Seelenheil, es bietet höchstens etwas Trost.

Es war das Bilderverbot des Protestantismus, das dazu führte, dass der evangelische Glaube heute vor allem gelebte Abstraktion ist. Ein Beispiel: Das Kreuz, des Figürlichen entledigt, ist nur noch bloßes Symbol und eben kein Kruzifix mehr, an dem der Schmerzensmann hängt. Der Protestant braucht weder Krippenspiel noch Passionsspiele, um sich seinen Erlöser bildhaft vor Augen zu führen. Er verweigert sich jeglicher Heiligenverehrung, begibt sich auf keine Prozessionen, benötigt keine Monstranzen, keine Wallfahrten und keinen Reliquienschrein. Lieber hält er sich an die Botschaft des Herrn als an das Grabtuch in Turin oder den Heiligen Rock in Trier. Aber ihm fehlt etwas.

Die weltorientierten Protestanten gehen heutzutage lieber bis zur Unkenntlichkeit im Zeitgeist auf, statt sich einem Brauchtum zu verschreiben, hinter dem sie nur ein erstarrtes Regelwerk vermuten. Auf der einen Seite die Schutz-und-Trutz-Burg der Tradition, auf der anderen Seite immer noch der Bauernkrieger, der aufs Klosterdach den roten Hahn setzt und zum Bildersturm auf die katholischen Gotteshäuser bläst. Ob dieses revolutionäre Erbe unserem Verein wirklich noch rudimentär im Blut liegt, ist nicht so einfach auszumachen. Wenn das der Fall ist, dann wäre die Verweigerung des Brauchtums selbst schon ein alteingesessenes Ritual. Und was ist ein alteingesessenes Ritual anderes als Brauchtum? Religiöse Riten, von der Taufe bis zur Beerdigung, sind in der evangelischen Kirche durchaus traditioneller Bestandteil, auch wenn die Freiheit, diese Riten zu modifizieren, jederzeit gegeben ist.

Das Brauchtum ist die Brücke zwischen Volksglaube und religiöser Doktrin. Der Katholik befindet sich gleichsam in einem Kugelkondensator zwischen diesen beiden Polen, in dem er sich bewegt, bis der Funke überspringt. Der
Protestant muss den Spagat zwischen Volksglauben und Heilslehre nicht leisten: Durch Luthers Bibelübersetzung beruft er sich allein auf das Wort Gottes, das in der Botschaft Jesu Christi aufscheint. Der Ausdruck religiöser Frömmigkeit wurde nach innen verlagert und bedarf daher keiner Festigung durch Gebräuche mehr.

Es klingt ein wenig grotesk, dass ausgerechnet die Protestanten, die dem religiösen Brauchtum eine Absage erteilt haben, wesentlich zur Etablierung christlicher Gebräuche beigetragen haben. Das „Christkind“ gilt als der evangelische Gegenentwurf zu Sankt Nikolaus, weil die Protestanten mit der Heiligenverehrung brechen wollten. Bis ins 16. Jahrhundert hinein war Nikolaus der Geschenkebringer. Martin Luther höchstselbst soll es gewesen sein, der das „Christuskind“ an dessen Stelle etablierte. Indem er ein Brauchtum zerstören wollte, schuf der Reformator ein neues. Im selben Zug wurde Sankt Nikolaus als Weihnachtsmann verweltlicht, sein einstiger christlicher Hintergrund verblasste. Als Coca-Cola-Werbefigur kam er in den Dreißigerjahren in Amerika zu neuer Popularität.

Auch der so beliebte Adventskranz wurde 1839 ausgerechnet von einem evangelisch-lutherischen Theologen namens Johann Hinrich Wichern (1808–1881) eingeführt. Der Erzieher betrieb in Hamburg das Rauhe Haus, eine soziale Auffangstätte für Kinder in einem Bauernhof, die sonst vor Armut gestorben wären.

Um ihnen die Wartezeit auf das Weihnachtsfest zu verkürzen, baute er aus einem alten Wagenrad einen Holzkranz, der mit zwanzig kleinen roten und vier großen weißen Kerzen bestückt war. Das diente nicht nur der sinnlichen Erbauung, sondern war gleichzeitig – protestantisch-pragmatisch gedacht – praktischer Rechenunterricht. Da mit jedem Tag ein neues Lichtlein angezündet wurde, konnten die Kinder abzählen, wie lange es noch bis zur Christnacht dauerte.

Dass sich das katholische Brauchtum auf regionale Gebiete zurückziehen musste, während sich die protestantische Kultur flächendeckend durchsetzte, kann man dem Geist des Protestantismus anlasten. Wenn aber katholisches Brauchtum etwa in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz zur reinen Folklore verkommt, weil ihr kulturhistorischer Kontext nicht mehr vermittelt werden kann, ist sie an diesem skurrilen Anachronismus nicht schuld. Wie spottete doch Kurt Tucholsky so treffend: „Das sicherste Zeichen dafür, dass mit einem Volksbrauch etwas nicht in Ordnung ist, sind Lehrer und Pfarrervereinigungen zu seiner Konservierung.“

Erschienen in:
Ausgabe 50/2011
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Spiritualität, Kultur