Ländle
Alles zu lassen, wie es ist, wäre das Allerneueste
Aus: Christ & Welt Ausgabe 15/2011
Baden-Württemberg ist das Land der harmonischen Gegensätze. Nur hier können die Grünen die besseren Schwarzen sein.
Die Grünen im Ländle sind etwas anderes als die Großstadt-Grünen in Berlin.
Nach den Wahlen in Baden-Württemberg musste die Frage beantwortet werden, wieso ein Bundesland, das sechs Jahrzehnte lang mit der größten Verlässlichkeit die Union gewählt hatte, plötzlich ein Wahlergebnis vorlegte, das erstmals in Deutschland einen Grünen zum Ministerpräsidenten macht. Entweder hat sich das Bundesland in seiner politischen DNA grundlegend gewandelt, oder aber die Baden-Württemberger sind sich mental treu geblieben, aber das, was sie in ihrem Wesen ausmacht, sieht sich neuerdings durch einen Mann wie Winfried Kretschmann besser verkörpert.
Die politischen Kommentatoren neigten erkennbar zu letzterer Ansicht: Wesenskontinuität bei einem Wechsel des parteipolitischen Tickets. Dabei tauchte immer wieder ein Begriff auf, der auf interessante Weise changiert zwischen einer geografischen und einer politischen Kategorie: das Ländle. Nun ist das einfach die schwäbische Selbstbezeichnung, aber das Wort hat auch für hochdeutsche Ohren erhellende Obertöne, es ist ein interessantes Amalgam, in dem das Landschaftliche und Mentale mit dem politischen Ordnungsgedanken organisch verschmelzen. „Ländle“, das ist ein Ausdruck, dem etwas Provinzielles und Altmodisches anhaftet. Lange wurde der Ausdruck im Tonfall der Herablassung oder zumindest der Selbstironie gehandhabt. Sich mit einem Gebilde wie dem „Ländle“ emphatisch zu identifizieren entsprach irgendwie nicht dem abstrakten Standard moderner Staatlichkeit. Aber dieser pejorative Gebrauch ist schon länger gekippt. Nämlich spätestens, seit die Badener und Württemberger (eigentlich zwei sehr gegensätzliche Volksgruppen, die aber das Bewusstsein, Nettozahler im Länderfinanzausgleich zu sein, zusammenschweißte) in die Offensive gingen und ihrer faktischen wirtschaftlichen Überlegenheit auch das entsprechende kulturelle Selbstbewusstsein gönnten: „Wir können alles außer Hochdeutsch.“
Jetzt, da der kalte Wind der Globalisierung die kulturelle Identität der Regionen zu neuer Blüte geführt hat, ist der Ausdruck „Ländle“ zum erfolgreichen Markenbranding geworden und in den Wahlanalysen die zentrale Bezugsgröße, in der das Konservative und das Ökologische, das Tüftlertum und die Bodenständigkeit, das Kulinarische und das Fleißige, der Naturgedanke und die pietistische Strenge, die Kehrwoche und die grüne Idylle, die schwäbische Hausfrau und der badische Genießer zusammenkommen. Der Geist des Ländle programmiert die parteipolitischen Farbenspiele um. Die Grünen im Ländle sind eben etwas anderes als die Großstadt-Grünen in Berlin. Der ganze konstruktivistische Modernismus linken Gedankenguts, wie er sich im Gender-Mainstreaming, der Homoehe und der Verherrlichung der alleinerziehenden Mutter ausdrückt, fehlt im Ländle. Freiburg ist nicht Kreuzberg. Man muss einmal von Stuttgart in die Schwäbische Alb gefahren sein, durch Orte wie Metzingen, wo der Reichtum des Mittelstands auf ästhetisch unsublimierte Weise wuchert und wo die übervollen Staatskassen für blitzblanke Autobahnen, auf denen kaum etwas los ist, ausgegeben wurden, während dann plötzlich, bei steigenden Höhenmetern, die zart-melancholische, fast etwas introvertierte Schönheit der Schwäbischen Alb einen gefangen nimmt, um zu begreifen, welche produktiven Gegensätze im Begriff vom Ländle beschlossen sind. Oder man muss einmal Erwin Teufel erlebt haben, wie er über die Naturgedichte des schwäbischen Landpfarrers Eduard Mörike mit ergriffener Seele spricht, um die Psychoenergien dieser Landschaft zu verstehen.
Man könnte auch sagen: Gegen Landschaften und ihre Mentalitäten ist keine Politik zu machen. Landschaften haben keine parteipolitische Farbe. Sie sind aber eben auch nicht reine Natur und keineswegs eine völlig politikfreie Kategorie. In der Landschaft steckt das Beharrliche der Mentalitäten seiner Bürger. Das ist für Demoskopen und Parteistrategen schwer zu fassen, aber eben doch ein politischer Faktor.





