Notizen für die Ewigkeit
Alles Müller oder was?
Aus: Christ & Welt Ausgabe 52/2011
Der Hüter des rechten Glaubens ist müde und möchte bald gehen. Gerüchte ranken sich um den Nachfolger des Glaubenspräfekten im Vatikan.
Ein deutscher Glaubenspräfekt im Vatikan? Der für nicht gerade diplomatisches Auftreten bekannt ist und für seine Streitbarkeit? Oder wäre das zu viel des Deutschen? Ein Sommergerücht, seinerzeit dementiert, ist wieder aufgetaucht. Wird Bischof Gerhard Ludwig Müller (64) aus Regensburg bald Nachfolger des rücktrittswilligen römischen Glaubenspräfekten Kardinal William Joseph Levada (75)? Oder wird wieder falsch spekuliert? Tatsache scheint zu sein, dass der derzeitige Ratzinger-Nachfolger an der Spitze der bedeutendsten päpstlichen Kongregation offenbar wirklich aufhören möchte. Der US-Amerikaner, Präfekt seit Mai 2005, nenne dafür gesundheitliche Gründe. Am Dienstag feierte er noch sein 50-jähriges Priesterjubiläum. Danach wolle er, so heißt es, bald den Schreibtisch räumen. „Wechsel in den ersten Monaten 2012“, verkünden Vatikaninsider und sagen „große Manöver für die Zeit nach Levada“ voraus. In diesem Zusammenhang wird Müller als ein wahrscheinlicher Kandidat genannt: Er würde die Bürde jenes wirklich schwierigen Amtes wohl gern auf sich nehmen, wird in Rom argumentiert, und er käme wohl auch dem Papst genehm. Der Regensburger Bischof habe sogar in letzter Zeit verstärkt Italienisch gelernt, will jemand als zusätzlichen Beweis für einen vor der Tür stehenden Umzug in Richtung Vatikan herausgefunden haben.
Doch im pompejiroten Gebäude der Glaubenskongregation, gleich neben der Generalaudienzhalle, und auch in anderen Vatikanämtern kursieren andere Überlegungen, aber auch andere Namen: Für Levada, so gern er ginge, könnte sich das Ratzinger-Schicksal wiederholen. Als Glaubenspräfekt wollte auch der heutige Papst mit 75 in den Ruhestand gehen. Doch Johannes Paul II. hielt ihn zurück: Er brauche ihn in seinen letzten Lebensjahren an seiner Seite. Der polnische Papst war schwer krank. Benedikt XVI. ist es nicht, doch immerhin schon bald 85 Jahre alt. Und die Glaubenskongregation steht vor komplizierten Fragen. Die sexuellen Missbrauchsfälle etwa, oder die Anglikaner, die in die römisch-katholische Kirche aufgenommen werden wollen. Und vor allem die abgespaltene Piusbruderschaft, die die Bedingungen des Vatikans zu ihrer Rückkehr so nicht akzeptieren will. Das fordert Geschick. Nun ist der Regensburger Hirte zwar als einziger deutscher Bischof seit 2007 Mitglied der Glaubenskongregation und dort sogar beliebt, verlautet aus dem früheren Heiligen Offizium. Doch reicht das fürs römische Amt, jetzt, in dieser Fingerspitzengefühlslage?
Benedikt könnte einen Wechsel scheuen oder auch eine kurieninterne Lösung suchen. Das hieße Stühlerücken. Chancen werden selbst dem derzeitigen Sekretär der Glaubenskongregation, dem spanischen Jesuiten Luis Ladaria (67), für eine Übergangszeit eingeräumt. Aber auch mancher theologisch versierte Franzose und Asiate wird genannt. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn (65), auch er Mitglied der Glaubenskongregation seit Jahren, eng mit dem Papst befreundet und schon oft als Glaubenspräfekt gehandelt, wäre auch genehm. Doch spricht dagegen, dass er in Wien unentbehrlich ist. Zu Hause proben Priester den Ungehorsam, und die Kirche erholt sich nur schwer von Missbrauch, schwierigen Bischöfen und nicht geführten Dialogen.





