Das Unwesentliche: Volk
Alle im Tunnel
Aus: Christ & Welt Ausgabe 49/2011
Bisher dachten alle, wir seien das Volk. Doch Wikipedia denkt da anders. Und wer ist dann das Volk in Stuttgart?

„Wir sind das Volk!“, rief das deutsche Volk (Ost) 1989, so laut, dass die Mauer einstürzte. Gänsehaut (Ost und West). Jetzt behauptet Wikipedia, das Volk seien gar nicht wir. Jedenfalls nicht nur, sondern auch die anderen. „Der Begriff ,Volk‘ bezeichnet eine Reihe verschiedener, aber teilweise sich überschneidender Gruppen von Menschen“, so das Volkslexikon. Wie soll man sich das vorstellen? Nehmen wir das Volk von Stuttgart. Eine Reihe verschiedener Gruppen also: Auf der einen Seite haben wir die Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21. Sie wollen oben bleiben, ihren Kopfbahnhof mit Klauen und Zähnen verteidigen. Seit Monaten sieht man sie im Fernsehen, eine große Menschenmenge mit Schildern und bunten Schals, wie sie schreiend auf die Polizisten zurennen, sich wehren gegen die Entscheidung einer Elite, kurz: Demokratie leben. Sie sind das Volk. Aber wer bleibt dann noch übrig, um einer anderen, verschiedenen Gruppe zugeordnet zu werden? Gilt Jürgen Klinsmann noch als Stuttgarter? Und wenn ja, gilt er dann als Gruppe? Gibt es da noch jemanden in Stuttgart, außer den Stuttgart-21-Gegnern? Gesehen hat man sie jedenfalls nicht in all den Monaten des Protests. Obwohl das Volk auf der Straße war, wie das Fernsehen sagte. Dann kam der Volksentscheid, und es stellte sich heraus, dass sich irgendwo sehr viele Menschen versteckt haben mussten, die sich einen Tunnelbahnhof gut vorstellen können: knapp 60 Prozent. Die müssen dann wohl als Volksgruppe betrachtet werden. Nur: Wo überschneiden sich die beiden konträren Gruppen wikipediagerecht? Ein Gefühl verbindet die Verfeindeten. Die einen spüren es auf dem Bahnhofsvorplatz, während sie von staatlichen Wasserwerfern eingenässt werden, die anderen beim gemeinsamen Jubel während der Hochrechnungen des Volksentscheids. Alle ahnen sie: Wir sind das Volk. Und die anderen auch.





