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Sexualmoral

„Alice Schwarzer könnte Verbündete des Papstes sein“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 47/2011

Benedikt XVI. hat an die Katholiken appelliert, entschieden gegen Pornografie vorzugehen. Der Moraltheologe Martin Lintner über Würde, Wollust und Weltbild

FOTO: VINCE BUCCI/GETTY IMAGES; TYROLIA VERLAG

Martin M. Lintner, Jahrgang 1972, ist Professor für Moraltheologie in Brixen und Vizepräsident der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie. Er gehört dem Servitenorden an.

Christ & Welt: Reden kirchliche Würdenträger zu viel über Sex?
Martin Lintner:
In den Medien mag dieser Eindruck entstehen, weil sie sich oft zu denselben Themen und auf gleiche Weise äußern. Tatsächlich aber wird zu wenig darüber gesprochen, wie man vom moralischen Zeigefinger wegkommt und zu einer Sexualität ermutigt, die den Menschen nicht auf seinen Körper reduziert. Da gibt es Nachholbedarf. Sexualität kann für die Kirche kein Randthema sein. Sie gehört zum Menschsein und damit zur christlichen Botschaft. Bezeichnenderweise hat der Papst in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ das Thema aufgegriffen und an vorderster Stelle besprochen.

C & W: Papst Benedikt XVI. hat vor wenigen Tagen der Verbreitung von
Pornografie den Kampf angesagt. Was nützt ein solcher Appell?
Lintner:
Die Tatsache, dass der Papst Pornografie verurteilt, ist natürlich nicht überraschend. Immerhin kann er Aufmerksamkeit für ein Problem schaffen und aufzeigen, dass es in der gesellschaftlichen Diskussion unterbelichtet wird.

C & W: Leben wir in einer pornofizierten Gesellschaft?
Lintner:
Ja, ich würde schon sagen, dass entwürdigende Darstellungen von Frauen als allgemein akzeptiert gelten und dass ein Menschenbild vorherrscht, das zu sehr auf das Äußere, auf Attraktivität und Erfolg auch auf sexueller Ebene fixiert ist. Das beginnt in der Werbung, geht über Model-Castingshows und endet bei der Pornografie. Wir haben uns an vieles gewöhnt.

C & W: Die Werbung trifft den Ton oft besser als eine Predigt. Man merkt ja kirchlichen Botschaften vor lauter Theologie nicht an, dass es um Sex geht, wenn es um Sex geht?
Lintner:
Die Sprache ist ein Problem, das stimmt. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass die lehramtlichen Texte von Männern verfasst werden, die auf keine persönliche Erfahrung in einer sexuell erfüllten Beziehung zurückblicken können.

C & W: Das gilt für Sie auch und hat Sie nicht davon abgehalten, ein Buch über Sexualmoral zu schreiben.
Lintner:
Meine persönlichen Erfahrungen im Ringen um die sexuelle Enthaltsamkeit in einer oft sexualisierten Gesellschaft fließen ins Buch ein. Ich habe mich aber auch mit vielen Leuten unterhalten, die sexuell aktiv sind, mit jungen Menschen ebenso wie mit Ehepaaren. Dabei habe ich oft den Eindruck gewonnen, dass viele junge Leute inhaltlich von der Sexualethik der Kirche gar nicht so weit entfernt sind, wenn man eben auf Inhalte schaut und nicht so sehr auf die Normen. Sie sehnen sich nach Liebe, Geborgenheit und Verbindlichkeit, aber die Kirche ist ihnen keine Hilfe. Mit einer verständlichen, nicht anbiedernden Sprache sind sie zu erreichen, das merke ich an den Rückmeldungen auf mein Buch. Insgesamt glaube ich, dass die Erfahrungen von Menschen, die sexuell aktiv sind, für die Moraltheologie unverzichtbare Quellen von sittlichen Einsichten sind. Als Kirche dürfen wir nicht nur über Sexualität reden, sondern müssen mit den Menschen sprechen über ihre Erfahrungen mit der Sexualität. Wir müssten mehr zuhören und hätten dann auch viel zu lernen.

C & W: Der Papst sagt, Pornos entwürdigen Frauen, in den Schlagzeilen bleibt übrig: Papst gegen Pornos. Sind wieder mal wir Journalisten schuld, wenn die Botschaft nicht ankommt?
Lintner:
Natürlich wäre es wünschenswert, dass nicht nur diese Zeile übrig bleibt, sondern auch die Gründe klar werden, die den Papst bewogen haben, und warum auf dem Hintergrund eines christlichen Menschenbildes Pornografie sittlich abzulehnen ist. Aber Vereinfachung gehört zum Mediengeschäft.

C & W: In Deutschland hat sich die Debatte auf das Verlagshaus Weltbild verengt. Es hatte Titel wie das „Schlampeninternat“ im Sortiment und gehört katholischen Bischöfen. Ist die Empörung berechtigt?
Lintner:
Ganz unabhängig davon, ob die Gesellschafter das Programm mitbestimmen, muss die Kirche hier besonders auf ihre Glaubwürdigkeit achten. Entweder werden solche Titel aus dem Angebot genommen, oder die Kirche lässt dieses Geschäft, und seien die Umsätze mit diesem Segment auch noch so gering, wie Weltbild betont. Sie kann sich den eigenen Maßstäben nicht entziehen.

C & W: Wenn Weltbild sauber ist, ist Pornografie längst nicht aus der Welt.
Lintner:
Nein. Allein mit der Säuberung oder dem Verkauf von Weltbild wäre es nicht getan. Hier geht es darum, klarzumachen, was Pornografie beim einzelnen Menschen und in der Gesellschaft anrichtet. Für alle, die in Produktion, Vertrieb und Konsum involviert sind, bleibt dies nicht ohne Folgen: Was bedeutet es für das Bild der Frau? Oder für das Verhältnis zu Gewalt und Nötigung? Wie wirkt es sich aus auf den Umgang mit der eigenen Sexualität oder mit Frauen? Oder auf die Beziehungsfähigkeit? Die Kirche ist in ihren Einrichtungen, etwa in Frauenhäusern, sehr konkret mit dem Thema sexuelle Gewalt befasst, sie könnte dem Leiden ein Gesicht geben, dem viele Frauen in der Sexbranche ausgesetzt sind, sie könnte aufrütteln und muss es nicht beim moralischen Appell belassen. Sie braucht aber auch Verbündete.

C & W: Alice Schwarzer zum Beispiel?
Lintner:
Warum nicht? Feministinnen können auf jeden Fall Verbündete in dieser Sache sein. Aber es gibt auch andere, die sich gewinnen ließen: Eltern und Lehrer zum Beispiel, oder Paartherapeuten und Jugendpsychologen. Die Widerstandsfähigkeit von Jugendlichen gegen das, wofür Pornografie steht, ist ein ganz zentrales Thema. Vielleicht können all jene Verbündete sein, die sensibel sind für die Schattenseiten der sexuellen Befreiung und für die neuen Zwänge, in die viele geraten sind. Beispielsweise sei das Problem der Internetsexsucht genannt.

C & W: Im Internet zeigen Frauen wie Männer freiwillig ihr Triebleben. Ist das auch entwürdigend?
Lintner:
Für eine differenzierte sittliche Beurteilung ist sicher zu berücksichtigen, ob jemand zu pornografischen Handlungen und Aufnahmen gezwungen wird oder ob soziale Notlagen ausgenutzt werden, damit jemand zustimmt zu pornografischen Aufnahmen, oder ob jemand freiwillig mitmacht. Allein auf Basis der Freiwilligkeit kann man das Thema jedoch nicht diskutieren. Der Mensch kann sich auch freiwillig in entwürdigende Situationen begeben, weil er beispielsweise die Folgen seines Tuns nicht hinreichend bedenkt. Die freie Einwilligung allein ist noch kein Garant dafür, dass jemand in seiner Würde nicht verletzt wird oder, im Falle von pornografischen Darstellungen, auf Körper und Geschlechtsorgane reduziert wird.

C & W: Ist die Kirche noch eine sexualmoralische Instanz?
Lintner:
Ich halte sie für eine moralische Instanz, die Sexualmoral inklusive, auch wenn sie in der gesellschaftlichen Wahrnehmung viel Kredit an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Sie hat einen reichen Schatz in moralischen Fragen, aber schafft es nicht genügend, ihn den Menschen nahezubringen. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit hat zwei Komponenten. Zum einen: Ist die Botschaft würdig, gehört zu werden? Das ist die christliche Botschaft ganz sicher, auch wenn sie von so manchem geschichtlichen Ballast verdunkelt wurde und davon zu befreien ist. Zum anderen: Ist der Überbringer glaubwürdig? Da hat die Kirche mit einem Imageproblem zu kämpfen. Sie kann nicht damit zufrieden sein, dass wesentliche Inhalte ihrer Verkündigung nicht mehr wahrgenommen werden. Sie hat sich mehr auf die Normen konzentriert und zu wenig erklärt, welche Werte sie mit den Normen schützen will. Werte wie Liebe und Treue stehen eigentlich hoch im Kurs.

C & W: Vielleicht, weil in Umfragen gelogen wird. Was sind die Bekenntnisse zu Liebe und Treue wert angesichts hoher Scheidungsraten?
Lintner:
Dass die Scheidungsraten hoch sind, hat viele Gründe, zum Beispiel dass meine Generation sicherlich von einer gewissen Bindungsangst geprägt ist. Aber ich würde trotzdem nicht so weit gehen, Liebe und Treue als Lippenbekenntnisse zu bezeichnen. Wenn ein Mensch im Leben an seinen Idealen und Werten scheitert und eine Beziehung in die Brüche geht, heißt das nicht, dass ihm das, was er verloren hat, nicht wertvoll genug war. Wir dürfen zudem nicht vergessen, dass es auch heute viele Ehen gibt, die gelingen und halten.

C&W: Sie haben Ihr Buch „Den Eros entgiften“ genannt. Schauen einen die Theologen-Kollegen da schief an?
Lintner:
Das Buch geht zurück auf eine Artikelreihe, die ich auf dem Höhepunkt der Missbrauchskrise für eine Kirchenzeitung geschrieben habe. Da war die Vorgabe: Bitte verständlich ausdrücken. Es hat mich gereizt, eine Sprache zu finden, die nicht typisch klerikal und männlich ist. Mit dem Titel wollte ich auf das berühmte Nietzsche-Zitat anspielen: „Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken. Er starb zwar nicht daran, aber er entartete zum Laster.“ Die meisten Kollegen haben sich grundsätzlich anerkennend geäußert, einige meinten: Selbstmordkommando. Letzteres ist übertrieben, aber ein Buch zu diesem Thema erfordert einen gewissen Mut. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass immer mehr Kollegen der Überzeugung sind, dass es so wie in den vergangenen Jahrzehnten nicht weitergehen kann: nämlich aus Angst vor negativen Reaktionen aus Rom sich öffentlich oder schriftlich zu sexualethischen Themen nicht mehr zu äußern. Sogar Papst Benedikt XVI. hat in „Licht der Welt“ gesagt, dass in diesem Bereich vieles neu bedacht und zur Sprache gebracht werden muss. Mein Bischof jedenfalls, der inzwischen aus gesundheitlichen Gründen leider schon emeritierte Karl Golser – auch ein Moraltheologe –, hat sich über das Buch gefreut.

Buchtipp: Martin M. Lintner: Den Eros entgiften. Plädoyer für eine tragfähige Sexualmoral und Beziehungsethik. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2011. 182 Seiten, 17,95 Euro.

Erschienen in:
Ausgabe 47/2011
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Sexualität, Lebensstil