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Katholische Kirche

Ach, dieses lästige Volk

Aus: Christ & Welt Ausgabe 44/2013

Rund um Limburg wird ein Systemkonflikt erkennbar: Wie begründet sich eigentlich geistliche Macht? Noch reicht die Zustimmung von oben. Doch das wird sich ändern

Nicht Menschenlob, nicht Menschenfurcht soll uns bewegen!“ Bischof Clemens August Graf von Galen bedeute dem Bischof von Limburg sehr viel, sagen Kritiker wie Verteidiger von Franz-Peter Tebartz-van Elst. Von Galen wählte den Lob-und-Furcht-Leitsatz 1933, im Jahr seiner Bischofsweihe. Der Mann aus Dinklage war einer der wenigen hochrangigen Katholiken, die sich vernehmlich den Nationalsozialisten widersetzten. Dem Konservativen galt das Gewissen mehr als das in Gesetze gegossene Unrecht.

Ein Bischof sollte sich nicht abhängig machen von der Zustimmung anderer, er muss seine Nase nicht in den demoskopischen Wind halten wie ein Politiker –
so ließe sich von Galens Satz ohne Nazi-Donner im Hintergrund übersetzen. Das NS-Regime ist zwar schon seit fast 70 Jahren vorbei, aber als Referenzgröße vergeht es nicht, auch nicht in Kirchenköpfen.

Die Vergangenheit verspricht einen Thrill für Redner wie für Zuhörer. Die Redner fühlen sich herrlich politisch inkorrekt, wenn sie im Namen der Dreifaltigkeit den Widerstand gegen das „Dritte Reich“ bemühen, die anderen, die Kritiker, empören sich korrekt und pünktlich. Da warnte ein Kardinal, der sowohl die NS- als auch die DDR-Diktatur erlebt hat, bei der Eröffnung seines Diözesanmuseums vor Kunst, die „entartet“. Da verglichen hochrangige Geistliche routinemäßig Frauen, die abgetrieben haben, mit Nazi-Schergen. „Babycaust“ heißen Internetseiten von Lebensschützern. Da sprach der Präfekt der Glaubenskongregation von „Pogromstimmung“, weil er eine Hetzkampagne gegen seine Kirche witterte.

Joseph Ratzinger beklagte vor seiner Wahl 2005 die „Diktatur des Relativismus“, obwohl er, Jahrgang 1927, eine deutsche Diktatur ohne Relativismus aus eigener Anschauung kannte. Er bekam für diese Wortwahl viel Zustimmung, von den Kardinälen wie von den pluralismusmüden Pur-Pur-Intellektuellen in den Feuilletons. In Predigten wird die Gegenwart gern zum tiefsten moralischen Tiefpunkt aller Zeiten erklärt. Als sei die Welt vor 80 Jahren besser gewesen, nur weil die Scheidungsrate niedriger und die Kinderzahl höher war.

Einer der Jüngsten aus dem Bischofskreis, Franz-Peter Tebartz-van Elst, hat sich offenbar einen Widerstandskämpfer als Gedankenspender ausgesucht. Der Bischof von Limburg war, etwa in der Debatte um die Homo-Ehe, keiner der Scharfmacher. Er hat kein böses Wort wider den demokratischen Prozess gesagt. Gibt es trotzdem das Gefühl, man müsse sich als Christ in Deutschland noch immer eines Unrechtsregimes erwehren?

Diese Sprachkritik ist kein politologisches Geplansche. Die Wahl der Wappen sagt etwas darüber aus, wie manche Kirchenmänner, junge und alte, den demokratischen Staat sehen: als Gegner, den man misstrauisch beobachten muss. Als Mainstream-Maschine, die die Wahrheit für die Mehrheit platt walzt. Als ein weltlich Ding, von dem man sich als Gottesmann besser fernhält. Was sind schon Wahlen, wenn man sich auserwählt wähnt? Kapellen werden aus dieser Perspektive zu Trutzburgen, hier finden die Konsensversehrten Heilung. Die katholische Kirche strebt nach der Ewigkeit, vom klerikalen Hochsitz aus betrachtet dauert Demokratie bloß lange und bringt Vorläufiges hervor.


Die Auseinandersetzung um Franz-Peter Tebartz-van Elst ist nicht zu Ende – ganz gleich, was mit ihm geschieht. Längst dreht sie sich nicht mehr um die Frage, ob er alle kirchenrechtlich notwendigen Genehmigungen für sein Diözesanes Zentrum eingeholt hat. Sie kreist auch nicht allein um die theologische Erkenntnis, dass das Licht der Welt keinen Lichtdesigner braucht. Auch Geld und Reichtum sind nicht alles.

Rund um Limburg wird ein Systemkonflikt erkennbar: Wie begründet sich eigentlich geistliche Macht? Und wie wird man einen Machthaber los, den kaum noch jemand haben will? Das eine, vielleicht eines Tages überkommene Herrschaftssystem kann auf Zustimmung von unten verzichten, solange der Würdenträger die Legitimation vom Papst an aufwärts hat. Ein solcher Bischof kann das Volk ignorieren, er kann es sogar verachten und aus der Kirche treiben. Er ist sich sicher: Die Gläubigen können ihn nicht stürzen, solange ihn Rom stützt. Rücktritt, Macht auf Zeit, ist in seinem Denken nicht vorgesehen.

Das andere, vielleicht kommende System basiert zwar auch nicht auf einem Konsens von Freien und Gleichen. Aber es belohnt Geistliche, die das Kirchenvolk ernst nehmen. Heraus käme ein Klerus, der sich den Gläubigen erklärt. Beharrlich zu argumentieren und an die Einsicht zu appellieren, macht mehr Mühe, als mal eben Einsicht in Bilanzen und Gremienprotokolle zu gewähren.

Franziskus hat selbst in Argentinien eine Diktatur erlebt. Am Abend seiner Wahl brachte er einen Hauch Demokratie auf den Petersplatz. Er bat die versammelten Tausende, für ihn, den neuen Bischof von Rom, zu beten. Ich brauche euch, heißt das; ohne euch gäbe es den Papst gar nicht, sagt diese Bitte. Nicht nur die Kardinäle im Konklave sollten ihn gewählt haben, sondern auch die Gläubigen da unten. Dieser Abstimmungsprozess hält keiner politikwissenschaftlichen Wahlanalyse stand, aber poetisch lässt sich sagen: Wer betet, wirft einen Stimmzettel beim lieben Gott ein. Das ist kein Populismus, sondern Volksglaube.

In der katholischen Kirche gab kulturpessimistische Arroganz lange Zeit Anlass zu optimistischen Karriereprognosen. Als seien diejenigen Gott besonders nahe, die die Welt nicht mehr verstehen und vor ihr hinter die extradicken Schutzmauern einer Kathedrale flüchten.

Franziskus hat den Bischof von Limburg nicht sofort entlassen. Die Verteidiger des alten Systems können sagen: Er hat dem Druck der Straße standgehalten. „Ermutigung“ habe er vom Papst erfahren, hat Tebartz-van Elst wissen lassen. Mut kommt in diesem Denken von oben, von einem überhöhten Papsttum, das als Monarchie-Ersatz aus dem 19. Jahrhundert übriggeblieben ist. Ein solcher Klerus aber ist, anders als von Galen, gerade nicht mutig, sondern ängstlich. Die Kirche, die glaubt, ohne die da unten auf dem Platz auskommen zu können, ist gescheitert. Nicht nur in Limburg.

Erschienen in:
Ausgabe 44/2013
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Innenpolitik, Außenpolitik, Ethik, Medien