Kollekte - Das Religionsblog
Wir hätten wahrscheinlich die Bergpredigt verpasst
30.08.2011 | | 0 Kommentar(e)
Warum der Leser ein Recht auf Meinungsverschiedenheiten hat
Der Weltjugendtag wirkt nach, auch in der nicht mehr ganz so jugendlichen Christ & Welt-Redaktion. Die jüngste des Teams, unsere Volontärin Anna Papathanasiou, hatte vor einigen Wochen erklärt, warum sie nicht nach Madrid fährt. Es entspreche nicht ihrer Spiritualität, inmitten von Millionen zu beten und zu singen, schrieb sie sinngemäß. Die kleine Kolumne erregte die Gemüter mehr als mancher ganzseitige Text. Es gab Lob für so viel Ehrlichkeit, aber noch mehr Kritik für die angeblich typisch deutsche Miesmacherei. Auch Andreas Öhler, Leitartikler der vergangenen Woche, musste sich den Vorwurf gefallen lassen, in Madrid nicht das Positive gesehen zu haben.
Vor gut zwei Jahrzehnten war ich selbst in unserer Gemeinde aktiv, meist musikalisch, gelegentlich auch textlich. Bei Jugendmessen Keyboard spielen, in Frühschichten „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ mit der Gitarre anstimmen, in Exerzitien die Bibel aufs Jung-Erwachsenendasein wirken lassen, dazu einmal die Woche Teestube, samstags Disco im Pfarrheimkeller mit selbst gebastelter Lichtorgel – das war die katholische Landjugend in den Achtzigern. Man blieb gern bei Jasminaufguss unter sich, pflegte eine Allergie gegen Massenveranstaltungen und diskutierte Franz Alts Bücher über die Bergpredigt. Vermutlich hätten wir in dieser individuell-spirituellen Stimmung einen Weltjugendtag verpasst und 2000 Jahre früher die Seligpreisungen vor großem Volk.
Der Berliner Journalist Volker Resing ist nicht nur Christ & Welt-Autor, sondern auch ein aufmerksamer Leser dieses Blattes. Ihn drängte es zu einigen kritischen Anmerkungen am Telefon. „Bitte aufschreiben!“, erbat die
Redaktion. Das Ergebnis, ein ganz anderer Blick auf Madrid, steht in unserer Printausgabe prominent auf Seite eins.
Und mit unserem Interview auf Seite zwei beginnen wir gleich eine neue Kontroverse: Hat die evangelische Theologie versagt? Hat sie überhaupt noch etwas zu sagen? Der junge Theologe Sebastian Moll attackiert seine Fachkollegen heftig. Sie sehen: Wir halten keine Meinungsverschiedenheit vor Ihnen, liebe Leser, geheim.


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