Kollekte - Das Religionsblog
Wer schickt die „Zeit“ nach Wolgograd?
03.08.2011 | | 0 Kommentar(e)
Seit dem Jahr 1962 las Viktor Popov an der Wolga unsere Zeitung. Das droht jetzt zu enden
Der Brief war lange unterwegs. Er traf ein, als die Redaktion sich darauf geeinigt hatte, die Rückkehr des Krieges in die deutsche Wirklichkeit zum Thema zu machen. Davon ist in der neuen Ausgabe auf den Seiten 2, 3 und 4 zu lesen. Der Brief, der die Redaktion erreichte, ist auf den 9. Juli datiert. Viktor Popov hat ihn abgeschickt, emeritierter Professor für Politologie und Religionswissenschaft. Viktor Popov ist ein langjähriger Leser des Rheinischen Merkur mit „Christ und Welt“, des Vorgängers dieser Extraseiten, die den alten Namen noch im Untertitel tragen.
Viktor Popov war sieben Jahre alt, als die deutsche Luftwaffe im August 1942 seine Heimat Stalingrad binnen einer Woche in Schutt und Asche legte. Er kam mit einer Quetschwunde davon, aber er hat den tage- und nächtelangen
Feuersturm nicht vergessen: „Es war die echte Hölle.“ In einer mond -
losen Nacht konnte die Familie fliehen. Im Mai 1945, als der Krieg zu Ende
war, kehrte Viktor Popov aus der Evakuierung zurück. Und lernte von deutschen Kriegsgefangenen deren Sprache. Er besuchte Schule und Hochschule. 1966 war er ein Jahr lang Gasthörer an der Berliner Humboldt-Universität. Er nennt es „meine zweite historische Wahrheit, dass ich Deutschland, sein Volk, seine Kultur und seine Geschichte sehr liebe“. Dazu trug der Rheinische Merkur bei. 1962 machte Popov Bekanntschaft mit der Zeitung. „Ich schätze Ihre tiefe Analyse“, schreibt er. Seit 1966 ging wöchentlich ein Exemplar durch den Eisernen Vorhang nach Wolgograd, das
einmal Stalingrad war.
Bis zum November 2010, als der Merkur eingestellt wurde. Zu den Startbedingungen der neuen Zeitung zählte, dass sie nur im Inland zu abonnieren ist, weil sich ein Versand ins Ausland einfach zu aufwendig gestaltet. Erst einmal blieb unbemerkt, dass die Verbindung abgeschnitten war. Niemand kannte mehr die Geschichte. Dann meldete sich Popov ein erstes Mal per Brief. Jetzt hat er der Redaktion seine Geschichte in Kurzform erzählt. Und seither überlegt sie, wer es einrichten kann, dass eine Ausnahme stattfindet und Viktor Popovs Abonnement auf irgendeine Weise erhalten bleibt.


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