Kollekte - Das Religionsblog
Irgendwann wird auch der Frömmste zum bösen Buben
14.09.2011 | | 0 Kommentar(e)
Krach im Kloster oder warum Sanftmut auf Dauer langweilig ist
Seit einigen Jahren ist das Wort Spiritualität en vogue. Vor allem bei Leuten, die behaupten, nicht jeder Mode hinterherzurennen. Ich gebe zu: Ich weiß bis heute nicht genau, was es bedeutet. Meistens zitiere ich dann ein Lied von Funny van Dannen. Der schrieb die Zeile: „Innehalten, in sich gehen, auch mal nach der Seele sehn, es ist schön, wenn du sie gekannt hast, bevor sie wieder weiterwandert.“ Die sanfte Melodie passt sowohl zum Problemzonen-Yoga als auch auf Kirchen- und Katholikentage. Nicht ganz so sanft sind die Strophen: Sie erzählen von einer unzufriedenen Ehefrau, die sich im Gospelchor in den evangelischen Pfarrer verliebt. Erst können die beiden supergut miteinander reden, dann sind sie ein Paar. Es steht der Verdacht im Raum, dass die Spiritualität vor allem dazu dient, handfeste Absichten zu kaschieren. Wer Sinn sucht, will einen Mann finden. Es ist ein böses Lied.
Aber der Christenmensch soll nicht böse über andere denken. Also habe ich kürzlich ein weithin bekanntes Kloster besucht. Das linke Schaufenster des Buchshops ist mit Matthias Matussek dekoriert, das rechte mit Margot Käßmann. Der „Spiegel“-Mann schreibt zwar abfällig über die Ex-Bischöfin, aber wer will schon so kleinlich ins Buchinnere gehen? Die meisten Besucher sind ohnehin nicht zum Lesen da, sondern zum Hören. Sie wollen Gregorianisches; Gospel eher nicht. Um halb sechs beginnt die Vesper, in den Bänken sitzen Menschen mit spirituell fest entschlossenen Gesichtern. Die Mönche haben gerade den Choral angestimmt, da sagt mein kleiner Sohn in Halleluja-Lautstärke: „Boah, ist das langweilig.“ Die Leute schauten böse.
Ich weiß jetzt, wie Arnd Brummer, der Chefredakteur von „Chrismon“,
sich fühlen muss. „Geo für die Seele“ hat er sein Magazin einmal genannt, Innehalten und Insichgehen kennzeichnet die „Chrismon“-Produktpalette. Doch immer nur supersofte Spiritualität, das erträgt offenbar kein Christenmensch auf Dauer. Irgendwann wird auch der Frömmste zum bösen Buben, der schreit und schreibt: „Boah, ist Ökumene langweilig.“ Nach dem Schrei war mein Sohn übrigens ganz still.


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