Wäre ich ein guter Vater, Teil 2
Es ist Sommer, es ist dunkel, es ist Nacht, ich bin klein. Über mir leuchten Sterne, unter mir liegen Kissen, neben mir liegt mein Vater. Wir schauen fern. Für unseren Männerabend haben wir den alten Röhrenapparat mit der Stabantenne, den zwei Sendern ohne Schnee und dem einen mit auf die Terrasse gewuchtet. Zu sehen gibt es nicht viel, nur einen Film mit Heinz Rühmann. In dem Film sitzt Rühmann, diese Wirtschaftswunder-Inkarnation eines perfekten Vaters, im klein karierten Bademantel am Bettchen eines kleinen Jungen. Er klimpert auf dem Xylofon, singt: „La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut zu.“ Das Lied ist so süßlich, dass es die Mücken anlockt. Sie stürzen sich auf das flackernde Licht, als wollten sie Heinz Rühmann mit einer schlimmen Krankheit infizieren – wofür ich durchaus Verständnis hätte.Mit meinen Händchen versuche ich, mir Augen und Ohren zuzuhalten. Lieber blind und taub sein, denke ich, als einen singenden Bademantel zum Vater zu haben. Ich schaue meinen Vater an und bin dankbar, unendlich dankbar. Er singt nicht, weder unter der Dusche noch i m Bett. Er bringt mich auch nicht ins Bett, wenn er nicht muss, sondern macht mit mir lieber die Nacht durch, vorausgesetzt, es ist Sommer und die Nacht ist so schön wie diese. Warum nur muss ich jetzt daran denken? Eigentlich soll ich mir vorstellen, was für einen Vater ich selbst abgeben würde. Stattdessen sehe ich mich mal wieder nur als Kind. Hört das denn nie auf? Bleibe ich bis ins Rentenalter Sohn, ohne jemals Vater zu sein? Bin ich zu unreif, um mich fortzupflanzen? Oder will ich am Ende keine Kinder und brauche Heinz Rühmann, um mich daran zu erinnern? Tatsächlich sind auf den ersten Blick alle Voraussetzungen bei mir erfüllt für ein ausgefüllt-kinderloses Berufsleben, gefolgt von Medikamentensucht, Einsamkeit im Alter und einem schnellen, selbst gewählten Tod: Ich bin Großstädter, Singleapartmentbewohner, Mitte 30 und haue mein Geld am liebsten für Bücher und asiatische Möbel auf den Kopf. Lange war ich so sehr damit beschäftigt, an mich zu denken, dass ich schon deshalb keine Zeit für Kinder hatte. Und doch hätte man mich jederzeit aus dem Schlaf reißen, schütteln und fragen können, ob ich Lust auf Reproduktion oder wenigstens Kinder habe. Natürlich, hätte ich gesagt, und auf Weltfrieden auch nebenbei.In der Theorie nämlich (und nur dort!) möchten die meisten paarungsfähigen Deutschen irgendwann Kinder; auch und gerade wenn sie statistisch immer weniger bekommen. Ein Kind, das ist der Achttausender des modernen Individualisten. Es braucht den richtigen Kletterpartner, die richtige Ausrüstung sowie Zeit, Geduld und ganz viel Mut, um dorthin zu gehen, wo die finanzielle Luft dünn wird. Kurz: Ein Kind ist das letzte Abenteuer, das man sich um seiner selbst willen leistet. Wer sich einlässt darauf, berechnet jeden Schritt, um nicht in die Gletscherspalte zu fallen. Wie konnten sich da nur unsere Großeltern vermehren? Allein der Gedanke an Weltkriege und große Depressionen lässt unsere Spermien verkümmern und Eizellen verdorren. Zum Glück sind wir unpolitisch, auch wenn es unseren Spermien nichts bringt. Sie wurden unrettbar verstrahlt von dem iPhone in den Taschen unserer knallengen Stonewashed-Jeans. Und gesetzt den Fall, es klappt – das Kind ist geboren, das Haus gebaut, der Baum gepflanzt –, hören wir auf, einfach auf, uns zu reproduzieren. Dann hegen wir, was wir haben. Wohl nie gab es eine Generation, die ihre 1,4 Durchschnitts-Maximilians, -Leos, -Maries oder -Friedrich-Barbarossas so geliebt haben dürfte wie wir. Durch die schiere Kraft des Willens und unserer Sparkonten glauben wir vollkommene Väter und Mütter zu sein. Und haben wir nicht echt etwas zu bieten: ein Haus, ein Auto, einen Golden Retriever? Und sind wir nicht glückliche Eltern, weil wir uns beruflich, privat und sexuell permanent selbstverwirklichen? Dabei sind wir überzeugt, all das zu leben, was bei unseren Großeltern noch schöner Schein war. Ja, wir meinen sogar, es beweisen zu können und zu müssen: Seht, das ist das Kind unserer Liebe! Wir haben fertig! Flasche leer!All unsere Liebe, unser Geld, unsere Zeit opfern wir dem einen, kleinen Wesen, das wir verehren, nur um nicht noch einmal in die ökonomische Todeszone zu müssen, aus der die kleinen Kinder kommen. Sollen doch andere den Kampf gegen die demografische Katastrophe weiterführen, die Zeugungsverweiger, Hedonisten, Lebensabschnittspartner, Beziehungsgestörten, seriell Monogamen, Polyamoren, gewollt und ungewollt Alleinlebenden, die Singles, die Überfälligen. Für sie alle tickt die biologische Uhr, aber doch nicht mehr für uns, nicht für mich – oder gerade für mich?Schließlich bin ich Mitte 30, kinderlos und überfällig. Jeder dicke Bauch meiner Nachwuchs erwartenden Freunde ist eine Mahnung an meine Gene, sich weiterzuverbreiten. Manchmal denke ich, ich bin ein Flachlandtiroler, der im Basislager auf den großen Aufstieg wartet. Immer wieder werden mir Babys in die Arme gedrückt, an denen ich riechen oder herumkraulen soll, um so auf den Geschmack zu kommen und in letzter Minute noch einen verschneiten Gipfel zu besteigen. Gebracht hat es nicht viel. Lange war ich skeptisch. Die Ein-Kind-Politik meiner Umgebung roch für mich nach Verzweiflung, Gruppendruck und dem Mief der Bequemlichkeit. Lieber wollte ich keine Kinder, als in meiner Partnerin einen gesichtslosen Wirtskörper zu sehen. Außerdem: Heißt es nicht, dass man sich prüfen soll, bevor man sich bindet, und nur gebunden am besten Kinder zeugt? Demzufolge war ich ein mehr als gewissenhafter Prüfer. Glaubte ich doch lange, dass es bessere Gründe für Kinder gibt als Konvention und den Wunsch, dass etwas bleibt von einem, wenn man selbst bereits Mutterboden ist. Nennen wir es Liebe oder zumindest Verbundenheit. Irgendwann glaubte ich nicht mal mehr daran. Die Demografie kann mich, dachte ich. Es soll nicht sein. Als ich das akzeptiert hatte, fühlte ich mich besser.Und dann kamst du und alles war anders. Ich sehe uns noch im Sizilienurlaub auf einem Baumstumpf hoch über dem Tyrrhenischen Meer sitzen und unseren Schatten nachschauen, wie sie den Berg hinunterwandern, den wir eben gerade hinaufgestiefelt sind. Über uns ist alles blau, unter uns ist alles blau. Wir sitzen beieinander, sagen nichts, und ich denke: „Kinder… auch schön! Aber nur mit dir. Wann? Egal! Nur mit dir.“ Einen Moment gebe ich Bella Italia die Schuld an meinem zerrütteten Gemütszustand, dem verführerischen Zauber der mediterranen Filmfünfziger, den ich von den Fernsehabenden mit meinen Vater her kenne. Dann habe ich die Muscheln im Verdacht, die es zu Mittag gab. Am Ende merke ich: Es ist die Zeit, die Zeit, so etwas zu denken. Und es ist der Mensch, der richtige Mensch. Du.Die Wahrheit ist: Ich weiß nicht, ob ich ein guter Vater wäre. Wie soll man das wissen? Wahrscheinlich hat der Vater von Franz Kafka auch gedacht, er wäre gut, bevor, während und nachdem er seinem Sohn das Leben versaute. Männer sagen gerne von sich, dass sie gute Väter sind, so wie sie behaupten, gut einparken zu können oder der bessere Bundestrainer zu sein. Und vielleicht stimmt das sogar. Ich aber habe mit dem Auto zu viele Poller touchiert, um mir der Potenz auf dem Parkplatz allzeit sicher zu sein – von anderen Potenzen ganz zu schweigen. Zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls weiß ich: Ein guter Vater werde ich nur mit dir. Du machst mich besser. Und wenn es nicht klappt, weil die Natur es für uns nicht vorgesehen hat, ist das halt so. Dann verteilen wir unsere Liebe und Schokolade über die Welt, statt sie, alt, grau und geifernd nach verwandtschaftlicher Zuwendung, in unsere 1,4 früh aus dem Leim gehenden Enkel zu pumpen. So viel Liebe und Kalorien haben wir zu geben. Aber wer weiß, was wird?Wahrscheinlich hat sich mein Vater auch nicht vorgestellt, eines Tages mit seinem übernächtigten Sohn auf der Terrasse zu liegen und in der Dunkelheit Heinz Rühmann zu schauen. Und wahrscheinlich hätte er auch nicht geglaubt, dass das mal das Erste sein wird, was mir einfällt, wenn ich an einen guten Vater denke. Wie gerne würde ich mit meinem Vater darüber reden. Aber das geht nicht. Ich kann nur hoffen, dass er immer noch Rühmann auslacht im Dunkeln. Die Welt jedenfalls hat nichts verpasst, weil mein Vater nicht gesungen hat; ich auch nicht, nebenbei bemerkt. Mein Vater war zwar nicht perfekt, doch für mich hat’s gereicht. Ich hoffe, ich werde mal ein genauso guter Vater sein wie er oder auch nur ein guter, das wäre schon mal nicht schlecht. Und wenn ich viel Glück habe, gibt’s da irgendwann jemanden, einen wie mich, der sagen wird: Er war’s. mehr
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