Kirchentag
Pfadfinderin Andrea NahlesAndrea Nahles hat den Pfadfindern versprochen, dass sie kommt. Deshalb spricht sie auf einer der kleinsten Veranstaltungen des Kirchentages und sagt nicht ab, weil zu wenig Leute ihr zuhören werden. Der Termin war ihr wichtig, auch wenn er nicht einmal im Kirchentagsprogramm auftaucht. Jetzt tritt sie hinter einen Stehtisch in der Ruine der früheren Hamburger Hauptkirche St. Nikolai, die heute ein Mahnmal ist. Und erzählt von den manchmal verzweifelten Versuchen, Verständigung zwischen Juden und Palästinensern zu stiften. Hinter ihr sitzen vier Pfadfinder im Halbrund der Apsis der früheren Kirche. Sie sind die Hauptakteure der Friedensandacht, zu der Nahles gekommen ist. Kein Schild weist darauf hin, dass die Generalsekretärin der SPD spricht. Rechts gegenüber steht die Pfadfinderband, die die Lieder anstimmt. Andrea Nahles ist auch Vorsitzende des Willy-Brandt-Begegnungszentrums in Jerusalem, seit es vor zehn Jahren gegründet wurde. Sie zitiert die junge Palästinenserin Rouba, die sie dort getroffen hat: „Besetzung findet auch im Kopf statt.“ Rouba sei durch die Begegnung mit Juden in ihrem Alter keine andere geworden. Noch stünden auch ihr Vorbehalte und Misstrauen ins Gesicht geschrieben. Aber manchmal bekunde sie doch, dass sie dem Hass nicht das letzte Wort geben wolle.
Andrea Nahles fühlt sich wohl zwischen Pfadfindern, auch wenn sie selber keiner war. Sie findet es gut, dass die Pfadfinder, die hier in der Ruine vor 30 Zuhörern eine Andacht feiern, sich auch für Versöhnung in Israel einsetzen. Heute noch sollen in der Ruine ein Friedenslicht aus Bethlehem und eine „Flamme der Hoffnung“ des Bundes Moslemischer Pfadfinder in Deutschland zusammentreffen. „Zwei starke Zeichen für den Frieden“, steht nachher auf der Facebook-Seite der Aktion Friedenslicht. Der evangelische Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder beteiligt sich an der Aktion Friedenslicht, wie die katholischen St.-Georgs-Pfadfinder, die für Mädchen und Jungen getrennte Verbände haben. Normalerweise wird das Friedenslicht vor Weihnachten entzündet. Aber der Kirchentag ist zu wichtig, um es nicht auch da zum Leuchten zu bringen. Und mit den katholischen Pfadfindern unterstützen sie den muslimischen Verband, den es seit drei Jahren gibt. Vieles, sagt Andrea Nahles, „ist nur politisch zu lösen. Aber Menschen müssen auch persönlich gewonnen werden.“ Am Schluss ihrer Ansprache sagt sie „Amen“, wie nach einer Predigt. Wolfgang Thielmann
Riesendemo gegen MoseMaria und Annika halten die Predigt, und sie ist fünf Minuten kurz. So wie alles kurz ist in diesem Gottesdienst im Jugendzentrum des Kirchentages rund um die Pauluskirche in Harburg. Außer dem Titel: So viel ist weniger mehr. Und nicht nur vorne, in der Apsis, finden sich ausschließlich Jugendliche, sondern in den Bänken ebenfalls. Die Kirche ist voll. Wenn die Bänke zur Hälfte besetzt sind, können wir zufrieden sein, hat Axel Büker vorher gesagt. Er, der Jugendleiter, gehört zu denen, die den Gottesdienst initiiert haben. Aber dann, berichtet er, hätten sich die Erwachsenen immer weiter zurückgezogen und den Jungen Platz gemacht. Natürlich, so ist das in der Kirche, machen viel mehr Mädchen mit; sie sind eher bereit, „sich und ihre Vorstellungen zu präsentieren“, sagt Büker. Auf Facebook haben sie im vergangenen November mit der Vorbereitung begonnen, Ideen gesammelt und nach Wünschen gefragt. Im April haben sie den Gottesdienst zu Hause in Blankenheim probegefeiert.Jetzt werden Beiträge aus Facebook auf eine Leinwand vorne gebeamt. Was brauchst du?, lautete die Frage. Jan, 27, kommt aus Aachen und braucht Musik, Freunde, Familie, Liebe und Fantasie und immer einen Stift zum Schreiben. Sylvia aus Basel hat nicht verraten, wie alt sie ist. Sie braucht neue Ideen für spirituelle Angebote und den interreligiösen Dialog.Die Lesung aus dem Alten Testament klingt ungewohnt. Da machen die Israeliten eine Riesendemo gegen Mose, nachdem sie aus Ägypten abgehauen waren.Vor der Predigt werden Zettel und Stifte verteilt. Die Besucher können aufschreiben oder -malen, was sie haben und geben wollen. Dann heften sie die Zettel an die Pappen, mit denen fünf Jugendliche als wandelnde Pinnwände durch den Mittelgang laufen. Nach dem Segen, am Ausgang, stellen sich die fünf vor der Kirche auf. Die Besucher können schauen, was sie brauchen, und einen Zettel mitnehmen. Die Aktion kommt an. Die Jugendlichen wollten nicht bloß Moral predigen, sagt Büker. Sondern sie fanden, dass es ihnen gut geht und sie überlegen sollten, was sie abgeben können. Du musst deinen Weg selber finden und gehen, sagte Maria am Ende der Predigt. Oder Annika, das konnte man von hinten nicht so genau sehen. Wolfgang Thielmann
Und dann ist auch noch der Hund schwulWie unerotisch es sein kann, über sexuelle Vielfalt zu sprechen! Im Harburger Friedrich-Ebert-Gymnasium, in den blauen Containern hinter dem Pausenhof, liegt das Workshopzentrum im Jugendbereich des Kirchentages. Im kalkweißen Klassenraum C 2 üben Sandra und Klaus Rollenspiele und Diskussionen über Lesbisch-, Schwul- und Heterosein. „Überfüllt“, steht draußen auf den handgeschriebenen Wegweisern. Die Pfadfinder, die für die Ordnungsdienste zuständig sind, lassen keinen mehr herein. Die Hälfte der 50 Papphockerbesetzer drinnen, so stellt sich heraus, sind Jugendleiter. Auf dem Tisch am Eingang liegt fridolingeheftet eine druckfrische Handreichung der Evangelischen Jugend in Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz. Sie soll das sexuelle Vielfalt-Denken befördern und enthält vor allem Rollenspiele. Die werden hier erprobt. Zum „Obstsalat“, der früher „Reise nach Jerusalem“ hieß, zählt Sandra die Teilnehmer ab: lesbisch, schwul, hetero, bi. Dann ruft sie „bi!“, und alle so Abgezählten müssen den Platz wechseln, bis einer oder eine ohne Sitz zurückbleibt. Ruft sie „Bunt wie Gottes Schöpfung!“ müssen alle den Platz wechseln. Nachher, beim Gruppengespräch, erzählt Nadine aus Tübingen, wie ihr bester Freund, schwul, vor Jahren mit den kritischen Aussagen der Bibel über Homosexualität nicht klarkam. Heute, sagt sie, könnte sie ihm antworten. Sie studiert Theologie. Und sie meint, dass Gott jeden Menschen liebt, „das ist wichtiger, irgendwie“. Ein Rollenspiel folgt. Nur das Thema ist vorgegeben: Pauls Coming-out in der Familie. Die Schauspieler können improvisieren. Pauls Schwester Meike und die Mutter zeigen sich entsetzt. Die Mutter fürchtet Ungemach im Kirchenvorstand. Vater Dieter steht, alle sind überrascht, hinter seinem Sohn und kontert: Wenn die Kirche Scherereien mache, „dann solltest du da austreten“. Jugendleiterinnen und -leiter klatschen. Nachher wird Vater Dieter gefragt, warum er so tolerant war. Er antwortet ebenfalls mit einem Coming-out: Er habe neben der Familie noch einen Freund; das wisse die Familie aber nicht. Spiellust bricht sich Bahn. Eine Kirche, die ein Problem mit Homosexualität hätte – undenkbar, unmöglich, unerträglich.Später, im Gottesdienst im „Zentrum religiöse und kulturelle Vielfalt leben“, zieht die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs noch mehr Register. In der Predigt in der St.-Georgs-Kirche sagt sie, Menschen seien wunderbar gemacht, anders denkend und anders liebend: „Frau zu Trans zu Mann zu Mann zu Frau zu Frau. Und dann ist auch noch der Hund schwul.“ Der sexuellen Vielfalt widmet sich auch die erste Resolution auf dem Kirchentag, die die nötige Zahl von 100 Unterstützerunterschriften bekommt, um zur Abstimmung gestellt zu werden. Aber dann verfehlt sie die nötigen 3000 Stimmen und gilt als abgelehnt. Resolutionen, ein Überbleibsel aus den politisierten Achtzigerjahren, sind wieder beliebter geworden. Man kann sie jetzt online einreichen. Wolfgang Thielmann
PastinakenpestoDie Kirche tut schon allein deshalb viel fürs weibliche Wohlbefinden, weil sich Mittvierzigerinnen hier jung fühlen dürfen. Die Besucher amtskirchlicher Gottesdienste sind 60 plus und plus-plus, die KritikerInnen der Amtskirche auch. Die feministisch-theologische Basisfakultät ist so eine KritikerIn. Sie gehört seit den Neunzigerjahren zum Inventar des Kirchentags, hatte mal 50 Zuhörende, mal 2000. 'In diesem Jahr sind es etwa 300. Die meisten im Publikum würden auf die Frage nach ihrem biologischen Geschlecht „weiblich“ angeben. Kurzhaarfrisur, sandfarbene Hose und Outdoorjacke aber signalisieren: Ich weiß, was Gender ist. Doch nicht Mainstreaming ist das Thema, sondern Mahlzeit. „Von der Deutung des Essens zur Bedeutung des Abendmahls“. Die Hannoveraner Soziologin Professor Doktor Eva Barlösius spricht darüber, wie sich Jugendliche die Familienmahlzeit wünschen. Sie hat für eine Studie dicke und schlanke Jugendliche befragt. „Dicke haben Hunger nach mehr“, sagt sie. Geregelte Mahlzeiten im Kreise der Familie und lebhafte Gespräche bei Tisch empfiehlt die Expertin, um diesen Hunger nach mehr zu stillen. Was sie echt traurig mache, sagt Barlösius, sei das Unglücklichsein dieser jungen Leute und die Überlastung ihrer Mütter. „Väter sind nur zu Besuch in ihrer Familie.“ Für die Männerkritik gibt es viel Applaus. Danach stimmt eine Sängerin „Brot und Rosen“ an, ein schönes ArbeiterInnenlied gegen Ausbeutung. Es ist rund 100 Jahre alt. Auf den Papphockern sitzen weder dicke noch dünne Jugendliche, sondern jene Generation, die Ende der Sechziger den Kampf gegen die Ausbeutung wieder aufnahm. Damals fand sie Familienmahlzeiten spießig, und der Vater war nur abwesend zu ertragen, erst recht, wenn er Sätze sagte wie: Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst… Jetzt aber hängt das Seelenheil von der Familienmahlzeit ab, von Regeln wie „Vor den Mahlzeiten wird nichts gegessen“ und natürlich vom guten Gespräch bei Vollkornnudeln und Pastinakenpesto. Aus „Brot and Rosen“ ist der Kampf um die ballaststoffreichste Dinkelschnitte und die klimaneutral eingekochte Rosenmarmelade geworden. Von all dem wollen die Jungen nichts wissen. Eine Frau Anfang 20 mischt sich dann doch in Halle B?3 unters Publikum der Basisfakultät. Da ist die Mahlzeit schon beim Abendmahl angekommen. Die Referentin spricht von „eschatologischer Imagination“, von „sakramentaler Durchlässigkeit“ und vom Erbrechen als Spüren des Lebendigen. Die junge Frau geht wieder. Das ist noch schwerer zu verdauen als Dinkelbrot. Christiane Florin
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