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		<title>Christ&amp;Welt - News Feed</title>
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			<title>Christ&amp;Welt - News Feed</title>
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			<title>Eucha-wie?</title>
			<link>http://www.christundwelt.de/themen/detail/artikel/eucha-wie/</link>
			<description>Im Juni ist Köln Gastgeber des Eucharistischen Kongresses. Es soll das katholische Großereignis des Jahres werden. Dabei weiß kaum noch jemand, was es mit der Eucharistie auf sich hat. Der Schriftsteller Navid Kermani berichtet über seine Begegnung mit einer Kölner Monstranz. </description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In so einem gläsernen Rohr, einem Rundumschaufenster sozusagen, das auf einem goldenen Podest steht, hätte ich als Kind einen seltenen Fund aus dem Wald aufbewahren mögen, einen Schmetterling, einen Kristall oder eine besonders schöne Murmel, zwischen fünf und sechs sogar das Sammelbild eines Fußballspielers, das perfekt zwischen die beiden Scheiben der Lunula gepasst hätte. Kaum gestehe ich meine kindliche Assoziation, fällt mir auf, dass der Deckel wie ein aufgeschnittener Fußball aussieht und die sechs Apostel die Größe und Kniestellung von Tipp-Kick-Figuren haben. Nein, das meine ich nicht ernst, keine Sorge, sehe selbst ein, dass meine Vergleiche nicht einmal als Kindereien zu entschuldigen wären.<br /><br />Und doch kann ich mir nicht helfen: Für meine Begriffe hat die Monstranz, die ein Kölner Meister um 1400 für die Gemeinde St. Kolumba anfertigte, mehr von einem Spielzeug als von einem Behälter, der sie ihrem Zweck nach ist, von einem besonders kostbaren Spielzeug wohlgemerkt, das von Vater zu Sohn weitervererbt wird. Die zinnenartigen Türmchen auf dem Deckel etwa muten so zweckfrei, so rein dekorativ an, dass ein Kind sie für seine Sandburg nicht origineller entworfen haben könnte, und wie erst die Münzen, die wie Goldmedaillen der Schulmeisterschaft herabhängen. Als Ganzes hat die Form etwas von dem Brummkreisel, der kreuz und quer durch mein Kinderzimmer rotierte.<br /><br />Ich fürchte, die Monstranz, die durchs Spielzimmer kreiselt, mutet genauso ehrfurchtslos an wie das Sammelbild in der Lunula, die – o Gott, die Assoziation sollte ich lieber nicht auch noch erwähnen, allein, es ist eben nicht nur eine Assoziation, die Lunula sieht nun einmal exakt so aus – an den islamischen Halbmond also mehr als nur erinnert. Aber was soll ich denn tun, ich glaube nun einmal nicht an so etwas, und wenn ich überhaupt etwas zur Eucharistie zu sagen hätte, was nicht despektierlich klingt, ist es das Staunen und intuitiv auch die Zustimmung, mindestens das Einverständnis, dass andere Menschen in einem Plättchen Brot tatsächlich den Leib Christi sehen, schmecken, zerbeißen, hinunterschlucken, verdauen, ausscheiden, und zwar nicht nur symbolisch, das wäre ja erst recht Firlefanz, insofern das offensichtlich Unglaubwürdige, ja Unmögliche auch noch durch einen billigen Kniff intellektuell sanktioniert wäre, sondern mit eigenen Augen, auf der eigenen Zunge, zwischen den eigenen Zähnen, durch die eigene Kehle, im eigenen Magen, durch den eigenen Darm: den Leib eines Menschen – eines Gottmenschen, gut, aber das macht es für den unbeteiligten Verstand noch weniger plausibel –, der vor 2000 Jahren in Jerusalem starb.<br /><br />Mir scheint, der Katholizismus macht sich keine Vorstellung davon oder hat verdrängt, wie abwegig für Juden und Muslime, zu einem Gutteil selbst für Protestanten alles ist, was ihn vom Monotheismus unterscheidet. Halt!, würden Katholiken darauf bestehen, dass sie selbstverständlich nur an einen Gott glauben. Das stimmt, riefe ich zurück, aber es stimmt für meine Begriffe, die mit dem gleichen Recht, nicht mehr, nicht weniger, Gültigkeit beanspruchen wie ihre, es stimmt nur im Kern, im Grundsatz, im Ursprung: Fast alles, was um den Kern des Eingottglaubens gelegt, an Grundsätzen ergänzt, bereits in den ersten Jahrhunderten hinzugefügt wurde, weist mindestens Spuren, wenn nicht offenkundige Züge des Heidnischen auf. Jetzt klingt es doch wieder despektierlich, ich merke es selbst, aber so ist es nicht gemeint, oder anders gesagt: So, wie es gemeint ist, würde ich es für einen Gutteil der islamischen, speziell der iranischen Volksfrömmigkeit ebenfalls sagen. <br /><br />Die Heiligenverehrung, der Märtyrerkult, der schiitische Erlösungsgedanke, die Fürbitten, die Amulette, die ekstatischen Rituale sind mit einem strikten Monotheismus nicht wirklich vereinbar, nicht einmal der Satan, als wäre er nur bildliche Verkörperung des Bösen, für manche Sufis nicht einmal Himmel und Hölle, obwohl sie im Koran so eindrücklich beschrieben werden. Prinzipien, wenn sie nur abstrakt sind und nicht sinnlich, also auch mit Augen, Zunge, Zähnen, Kehle, Magen, Darm erfahrbar, genügen den wenigsten Menschen, um ihr Leben danach auszurichten, und wenn doch, wird es oft gefährlich wie im Fundamentalismus, der zum Ursprung zurückzukehren meint, zum Kern, zum Grundsatz, obwohl darin – für meine Begriffe, gut, gut, nur für meine – erst recht eine Anmaßung, ja eine Selbstvergötterung liegt.<br /><br />Indes ist der Katholizismus gerade keine oder nicht nur Volksfrömmigkeit, sondern hat sich zu einem intellektuell hoch anspruchsvollen, bis in die Nuancen begründeten, eben nicht nur erlebten, sondern durchdachten, dogmatisch fest verankerten und zivilisatorisch erst recht grandiosen Glaubensgebilde mit einer strengen theologischen Hierarchie entwickelt. Zu einem Glaubensgespinst? An Wunder glauben viele, wenn nicht die meisten Konfessionen, aber nur der Katholizismus, weil er sich so vernünftig, geordnet, wissenschaftlich gibt, erzeugt in mir jenes ungläubige Staunen, das Caravaggio dem Thomas ins Gesicht malte. Denn es hat durchaus einen Sog, einen Sog selbst für Andersgläubige wie mich, wenn so viel zeremonieller, bis in die unscheinbarsten Bewegungen geordneter als in jeder Volksreligion, seit so viel längerer Zeit, an so viel mehr Orten, von so viel mehr Menschen täglich oder einmal die Woche oder sei es nur noch jährlich im Weihnachtsgottesdienst das Unmögliche mit völliger Selbstverständlichkeit für tatsächlich erklärt wird: „Nehmet, esset; das ist mein Leib.“ (Mk 14,22) <br /><br />Nur vermittelte der sich mir nie durch die Objekte, so prächtig auch immer, so wenig wie durch Räume, berückend schöne Kirchen, herrliche Altäre, sondern angesichts des Vorgangs selbst, des Ernstes und der Feierlichkeit, der Spannung vorher und des Friedens danach, den ich so konkret wie einen Windhauch oder einen wärmenden Sonnenstrahl spürte, obwohl ich es nicht glauben kann. Die Behälter sind nur Behälter. Wenn es die Menschen sind, die das Brot in Fleisch verwandeln, den Wein in Blut, können auch nur sie mich überzeugen.</p>
<p>Allerdings sah ich die Behälter auch immer nur aus der Ferne, bin ich als Andersgläubiger doch schon dankbar, überhaupt einer Messe beiwohnen zu dürfen, und setze ich mich, um den gebührenden Abstand zur Kommunion zu wahren, gewöhnlich in eine der letzten Reihen. Erst jetzt, da ich im Museum einmal auf die Gebrauchsgegenstände achte, geht mir auf, dass jedenfalls die Monstranz, aus der die Gemeinde St. Kolumba ab dem 15. Jahrhundert das Brot nahm, mehr ist als nur ein Behälter. Von Romano Guardini gibt es ein Buch, in dem er die Liturgie ausdrücklich als Spiel würdigt, vergleichbar dem Spiel des Kindes oder dem Schaffen des Künstlers.<br /><br />Der Zweck der Opferhandlung und des geistigen Mahls könnte so viel schneller vollzogen werden, die Weihung mit so viel weniger Worten vor sich gehen, die Sakramente als schlichte Handreichung gespendet werden – wozu das große Aufgebot eines levitierten Amtes, wozu all die Gebete und Gebräuche, die penible Ordnung der Geräte, Gewänder, Bewegungen, Farben, Abfolgen und Zeiten? „Die Liturgie hat keinen ,Zweck‘“, bemerkt Romano Guardini, „kann wenigstens vom Gesichtspunkt des Zweckes allein nicht begriffen werden.“<br /><br />Wenn ich die Tochter beobachte, die selbstvergessen ihre Sammelbilder ordnet, wenn ich mich selbst beobachte, wie ich nächtens über einer Satzstellung oder einer Absatzmarke brüte, obwohl ich sicher bin, dass keinem einzigen Leser, nicht einmal einem Redakteur oder Lektor der Unterschied auffällt, könnte ich mich ebenfalls fragen: Wozu das alles? Und weiß doch genau, dass der Sinn ihrer und meiner Handlung darin besteht, die Frage nach dem Zweck als unwichtig oder nachrangig zu erweisen. Gilt das nicht ebenso für andere, selbst alltägliche Handlungen? Ja, für meinen Begriff des Heiligen durchaus. Deshalb wetterten jene Sufis gegen Paradies und Hölle, damit niemand mehr Gott liebe, Gott diene, um Lohn zu erwerben oder Strafe abzuwehren. Gott lieben, Gott dienen wir aber, wo und wodurch immer wir jemanden um seiner selbst willen lieben, eine Sache um ihrer selbst willen tun.<br /><br />Und so stelle ich mir vor, dass der Kölner Goldschmied, der um 1400 den Auftrag der Gemeinde St. Kolumba erhalten hatte, genau wusste, dass niemand je die Feingliedrigkeit jener Apostel bemerken wird, die hinter Säulen versteckt sind, oder die Äderchen auf den Flügeln würdigt, auf denen die Lunula schwebt, weil selbst die Gläubigen die Monstranz nicht aus unmittelbarer Nähe zu sehen bekommen und auch der Priester während der Liturgie an anderes denkt, an anderes denken muss als an die kunsthandwerkliche Pracht. Schon gar nicht ist auf dem Foto zu sehen, welche Mühe sich ein Kölner Goldschmied um 1400 mit den Äderchen der Flügel gemacht hat, die zu einem Schwan oder einem ähnlichen Tier gehören, was einem nur auffällt, wenn man an die Monstranz unmittelbar herantritt, und an den Schwan oder das ähnliche Tier klammern sich winzig klein drei eben Entschlüpfte, die nun wirklich nicht notwendig sein können, damit sich das Brot in Fleisch verwandelt. Aber überzeugend sind sie schon.<br /><br /><br /><br /><br /><br /><em>Navid Kermani ist Schriftsteller und habilitierter Orientalist. Für sein literarisches und essayistisches Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Kleist- und den Hannah-Arendt-Preis. <br /><br />Das Buch „Trotz Natur und Augenschein“, aus dem wir diesen Text entnommen haben, erscheint nächste Woche im Kölner Greven Verlag. <br />Der 376 Seiten starke Band kostet 24,80 Euro. </em><br /><br /></p>]]></content:encoded>
			<category>Großaufnahme</category>
			
			Navid Kermani ()
			<pubDate>Thu, 16 May 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
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			<title>Und sie brauchen uns doch</title>
			<link>http://www.christundwelt.de/</link>
			<description>Junge Erwachsene seien beim Evangelischen Kirchentag nicht gefragt, meinte Hannes Leitlein in der letzten Woche. Hier kommt die Gegenmeinung<p class="more"><a href="/abo/">Interessiert? Hier geht's zum Probeabo</a></p></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>23, jung und weiblich – das ist nach Hannes Leitlein die Begründung dafür, warum ich beim Schlussgottesdienst des Evangelischen Kirchentages in Hamburg die Ehre hatte, Texte „ablesen“ zu dürfen. Über die Inhalte des Gottesdienstes aber hätten nur die „Grauhaarigen“ entschieden.<br /><br />Um eines klarzustellen: Das ist falsch. Ich habe beim Schlussgottesdienst nicht nur die Rolle der Beterin und Quoten-jungen-Frau übernommen. Ich war monatelang in die Auswahl von Texten über Musik bis hin zur Bühnengestaltung eingebunden.<br /><br />Seit einigen Jahren gibt es für junge Menschen zwischen 16 und 27 Jahren das Jugendforum des Kirchentags. Es trifft sich in jedem September. Man kann sich dafür bewerben. Dort wird intensiv diskutiert: Wie träumen wir uns einen Kirchentag, in dem junge Leute vorkommen? Welche Themen und Veranstaltungen sind für unsere Generation interessant? Wie können wir die gesponnenen Ideen umsetzen?<br /><br />Ich war beim Jugendforum 2011 dabei. Eine eindrückliche Erfahrung, mit Begeisterung, kreativen Ideen und Feierabendbier. Eben so, wie in unserer Generation neue Projekte entstehen. Kurz nach dem Jugendforum wurde ich zur Mitarbeit in der Vorbereitungsgruppe für den Schlussgottesdienst in Hamburg eingeladen. Dort konnte ich bei der Gestaltung mitentscheiden. In jedem Vorbereitungsteam des Kirchentags vertraten junge Erwachsene unsere Generation. <br /><br />Es stimmt: Beim Kirchentag haben die meisten Entscheidungsträger graue Haare. Aber Angebote von oder für Menschen unter 30 gibt es doch viele, auch wenn sie nicht explizit als „U-30-Party“ beworben werden. Freunde aus dem Jugendausschuss, einem aus dem Jugendforum gewählten Gremium, berichten, dass im Kirchentagspräsidium Vorschläge zur Stärkung des „Unter-30-Faktors“ immer begrüßt werden und große Unterstützung finden. Die Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle sind zum größten Teil unter 30, sie sind die informelle Lobbyabteilung unserer Generation. Bei den Auswahlverfahren zu Musik und Gottesdienstprogramm gibt es jeweils Bonuspunkte für junge oder generationenübergreifende Beteiligung.<br /><br />Dass wir, die 20- bis 30-Jährigen, nicht gebraucht oder gewollt sind, spiegelt in keiner Weise meine Eindrücke wider. Im Gegenteil: Es wird aktiv versucht, mehr junge Erwachsene in die Planungen und Entscheidungen einzubeziehen. Nach meiner Erfahrung hat man als junger Erwachsener sogar ausgesprochen viel Einfluss, man muss seine Chance nur nutzen! Es stimmt: Meine Generation, die 20- bis 30-Jährigen, kommt in der Kirche viel zu wenig vor. Aber die Frage ist doch: Was machen wir jetzt mit dieser spitzfindigen Analyse von Hannes Leitlein? <br /><br />Zertreten wir die kleinen Pflänzchen, die gewachsen sind, und überlassen das Feld wieder den Alten? Die Strukturen sind doch schon da. Wir müssen sie doch begießen, hegen und pflegen und aufpassen, dass niemand, weder Jung noch Alt, darübertrampelt. Wie können daraus Bäume wachsen?<br /><br />Es stimmt: Es ist die Verantwortung der Alten, Platz zu schaffen für Neues, uns junge Erwachsene mit einzubeziehen. Aber es ist doch auch unsere Verantwortung, aktiv eine Rolle in der Kirche zu spielen. Die Geschichte selbst weiterzuschreiben.<br /><br />Und wenn wir das tun, dann müssen wir darauf achten, dass wir solidarisch und offen bleiben: Wie helfen wir uns gegenseitig, dass wir uns nicht verändern lassen von den Strukturen, zu Funktionären werden, klüngeln und zusammenhocken und irgendwann alt und verstaubt sind, wie man es manchen altgedienten Gremianern vorwirft? Sondern, dass wir uns vielmehr fragen: Wie können wir die Strukturen verändern und offen bleiben für neue Ideen und neue Gesichter? Und, es stimmt: Wenn wir mitmachen, gehören Kompromisse dazu, Altes und Neues hat seine Berechtigung. Aber wir werden die Kirche nicht durch den großen Umsturz, durch eine Revolution verändern. Es geht doch um eine Entwicklung, die unterstützt und mit Leben gefüllt werden muss.<br /><br />Lassen wir wieder die 50-Jährigen die Texte beim Schlussgottesdienst ablesen, nur weil wir nachher als Quotenjugend abgestempelt werden? Nein, wir müssen mitmischen! Und deswegen war ich in Hamburg dabei. <br /><br /></p>]]></content:encoded>
			<category>Großaufnahme</category>
			
			Jelena Auracher ()
			<pubDate>Thu, 16 May 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
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			<title>Da geht noch mehr</title>
			<link>http://www.christundwelt.de/</link>
			<description>Evangelische Akademien verbrämen Bedeutungsverlust mit Hektik, hieß es in Christ&Welt. Der Historiker Paul Nolte widerspricht: Sie tun zu wenig<p class="more"><a href="/abo/">Interessiert? Hier geht's zum Probeabo</a></p></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein großartiger Moment: Egon Bahr tritt in der Idylle der Evangelischen Akademie Tutzing am Starnberger See ans Rednerpult. Der einflussreiche Berater des damaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt skizziert Grundlinien einer neuen Ostpolitik. Er spricht vom „Wandel durch Annäherung“. Der Anlass: das zehnjährige Bestehen des „Politischen Clubs“ der Akademie. Sechseinhalb Jahre später setzt Bahr mit und für Willy Brandt, Walter Scheel und die sozialliberale Koalition die „neue Ostpolitik“ in die vertragliche Praxis um. Bahrs Tutzinger Auftritt ist genau ein halbes Jahrhundert her.<br /><br />Die evangelischen Akademien erfanden, stellvertretend für eine ganze Gesellschaft, ein neues Forum bürgerschaftlicher Verständigung zwischen Politik und Ethik. Sie hoben, ohne es damals zu wissen, ein Stück der modernen „Zivilgesellschaft“ aus der Taufe.<br /><br />Und doch: Egon Bahr 1963 in Tutzing – ein überschätzter Moment in der Geschichte der evangelischen Akademien. Wäre er Routine gewesen, würde man sich heute kaum so reflexhaft an diesen einen Moment erinnern. Und von Anfang an hatten die Akademien Konkurrenz.<br /><br />Im Wandel von Religion und Kirche, von Politik und Gesellschaft haben sie sich behauptet, besser jedenfalls als viele Mitbewerber. Stehen die Bildungsstätten der Gewerkschaften und überhaupt der Arbeiterbewegung überzeugender da? Und was ist aus der evangelischen Presselandschaft geworden? Wo prägen Evangelische Studentengemeinden noch die Universität, die junge Generation, den kritischen Diskurs der Gesellschaft? <br /><br />Allenfalls hat der Kirchentag, seit seiner Neuerfindung als „Markt der Möglichkeiten“ für die Neuen Sozialen Bewegungen am Ende der 1970er-Jahre, die evangelischen Akademien an protestantischer Strahlkraft überholt. Doch auch da herrscht seit mehr als drei Jahrzehnten wieder überwiegend sichere Routine, wie gerade in Hamburg.<br /><br />Die evangelischen Akademien haben auf ihre Krise nicht so sehr mit hektischem „Aktionismus“ reagiert, wie Andreas Öhler und Wolfgang Thielmann meinen (siehe C&amp;W 18/2013, Seite 3). Sie waren eher zu zögerlich, zu langsam, nicht mutig genug. Das Publikum hat nicht nur andere Erwartungen, sondern zunächst einmal weniger Zeit. Für drei oder vier Tage in der Woche kann niemand unter 65 mehr kommen; schon jenseits einer Übernachtung wird es kritisch. 30- oder 40-Jährige in der „Rushhour des Lebens“ nehmen sich keine Zeit für „Bildung“, ja kaum noch für ehrenamtliches Engagement. Politiker kann man nicht für einen Tag anfragen, sondern für 90 Minuten. All das ist kein Sonderproblem der evangelischen Akademien. Welcher andere Veranstalter kann noch auf einen Tagungsbericht in der Zeitung, gar der überregionalen Presse, rechnen?<br /><br />Eine Antwort auf diese Fragen war vor 14 Jahren die Gründung der Evangelischen Akademie zu Berlin, im Zentrum politischer Aktivität und nicht mehr in den Vororten und auf dem Land wie früher. Zum ersten Mal hat sich die EKD in einer evangelischen Akademie engagiert, gemeinsam mit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. In Berlin kann die Akademie zeitgemäßer wirksam werden – weil die Politiker notfalls in zehn Minuten wieder im Bundestag sein können und weil die zivilgesellschaftlichen Mitspieler, die NGOs, die Stiftungen, auch der Protest hier zu Hause sind.<br /><br />Die Akademien müssen auch auf Veränderungen der religiösen Landschaft eingehen. Frömmigkeit, Kirchenbindung und das Gewicht der Kirchen in Politik und Öffentlichkeit nehmen neue Formen an. Dabei sind Säkularisierung und Kirchenferne bestens vereinbar mit öffentlicher Präsenz, moralisch-politischem Gewicht und Einfluss.<br /><br />Das politische Gewicht des Protestantismus ist nicht verfallen; im Gegenteil: Wohl nie in der Geschichte der Bundesrepublik wog es schwerer als heute. Das gilt für die Staatsspitze – von Gauck bis Göring-Eckardt, von Merkel bis Steinmeier – ebenso wie für den Einfluss protestantischer Theologen von Wolfgang Huber bis Margot Käßmann. Der Protestantismus lebt von Persönlichkeiten, und er hat sie. Sie bespielen viele unterschiedliche Bühnen, nicht nur Akademien. Und das ist gut so.<br /><br />Die Debatte um die Akademien muss entschiedener und mutiger geführt werden. Das gilt für die Standorte: Jeder für sich ist gut, aber insgesamt sind sie zu wenig in den Ballungsräumen präsent. Schmerzhaft ist die Situation im Rheinland und in Westfalen: Zwei der mächtigsten Landeskirchen im urban-industriellen Herzen Deutschlands unterhalten nur amputierte Akademien. Kompetenz und Spezialisierung müssen weiter ausgebaut werden. <br /><br />Das gilt für Themen, für religiöse Profile und für das Publikum, besonders für den Zugang zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Neue Medien müssen entschiedener genutzt werden. Berichten Zeitungen nicht mehr von Tagungen, muss man das selber in die Hand nehmen – ob die Kanäle Facebook und Twitter heißen oder klassische Verlagsnamen tragen. Andere Akteure machen es vor.<br /><br />Die kirchlichen Akademien stehen vor einem Dilemma. In einer kirchenferneren, aber zugleich multireligiösen Umwelt müssen sie religiös offener sein. Politiker und Wirtschaftsführer suchen nicht mehr ein Wochenende lang nach „christlichen Werten“ für die Selbstüberprüfung ihrer Alltagsarbeit. Zugleich müssen die evangelischen Akademien aber dezidierter evangelisch sein. Tagungen über die Zukunft der Demokratie, über nachhaltiges Wirtschaften oder weltweite Gerechtigkeit lassen sich auch anderswo buchen, und auch ein übergreifender ethischer Anspruch ist längst kein protestantisches Spezifikum mehr. Also muss die Frage nach der evangelischen Perspektive – das heißt auch: nach der Perspektive des Evangeliums – eine größere Rolle spielen.<br /><br />Die Berufung darauf, in guter protestantischer Tradition einen Raum für Diskurs zu bieten, reicht nicht mehr aus. Es gilt, neue Positionen eines ebenso entschiedenen wie entschieden offenen Protestantismus vorzuführen. Diesen Spagat müssen die Akademien üben. Umso besser, wenn das schmerzt.<br /><br /></p>]]></content:encoded>
			<category>Glaube</category>
			
			Paul Nolte ()
			<pubDate>Thu, 16 May 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
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			<title>Frauen, bleibt treu</title>
			<link>http://www.christundwelt.de/themen/detail/artikel/frauen-bleibt-treu/</link>
			<description>Franziskus hat die von Benedikt angeordnete Reform
bestätigt.</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Jedem Neuanfang wohnt auch ein Alltag inne. Im Vatikan stand die erste von Papst Franziskus geleitete Heiligsprechungsfeier an. Neben den 800 Märtyrern von Otranto wurden dabei zwei Frauen zur Ehre der Altäre erhoben. Die eine aus Kolumbien, die andere aus Mexiko. Da ist es ein schöner Zufall, dass auch der neue Papst aus Lateinamerika kommt. Benedikt XVI. hatte diese Heiligsprechungen bei der Kardinalsversammlung am 11.Februar angekündigt. Damals wusste nur er allein, dass es bald einen neuen Papst geben würde. Es war jene Sitzung, in der er zunächst die neuen Heiligen und dann seinen Rücktritt verkündete. <br /><br />***<br />Eine weitaus schwierigere Hinterlassenschaft ist der Konflikt mit den US-amerika?nischen Frauenorden beziehungsweise deren Dachorganisation, einer Ordensoberinnenkonferenz. Der Streit währt schon einige Zeit. Die 1500 Oberinnen und ihr Zusammenschluss seien zu eigenständig und entfernten sich von der Lehre der Kirche, so der vatikanische Vorwurf. Mehr noch, „feministische Tendenzen“ wollen die Kritiker ausgemacht haben, eine zu eigenmächtige Sicht auf die katholische Sexualmoral. Aussagen zu Abtreibung, Homosexualität, Sterbehilfe seien zu missverständlich. Auch die Frage nach Frauen im Priesteramt werde aufgeworfen. Die Glaubenskongregation hat die Oberinnen unter Aufsicht gestellt und eine Reform der Organisation angeordnet. Deren Präfekt, Kurienerzbischof Gerhard Ludwig Müller, ist im Gespräch mit den führenden Ordensfrauen. Zuletzt gaben sich beide&nbsp;Seiten diplomatisch. Papst Franziskus hat die von Benedikt angeordnete Reform bestätigt. <br /><br />Das überrascht kaum, man kann nicht gleich alles anders machen. Gerade trat in Rom auch die Weltkonferenz der Ordensoberinnen zusammen, ein Treffen weiblicher Führungskräfte. Natürlich waren die aufmüpfigen Amerikanerinnen in aller Munde. Der neue Papst ging nicht direkt darauf ein, erklärte aber, die Ordensfrauen hätten „die gesunde kirchliche Lehre in der Liebe zur Kirche und in kirch?lichem Geist“ zu wahren. Für sich genommen klingt das harmlos, angesichts der Turbulenzen ist es aber ein klares Signal. Ein Beobachter in Rom vermerkt, selten habe man den neuen Papst so nachdrücklich Kirchentreue einfordern hören. Die Präsidentin der US-Oberinnen, Schwester Florence Deacon, erklärte in Rom, sie vertraue auf die anfänglichen Worte von Franziskus, dass eine „Reise der Brüderlichkeit, der Liebe und des Vertrauens“ beginne.<br /><br />***<br /><br />Ein Frauenproblem anderer Art löst Papst Franziskus mit einer typischen Geste: An diesem Samstag vor Pfingsten besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel den Vatikan. Mit Benedikt XVI. war die deutsche Regierungschefin nie ganz warm geworden, obwohl ihre Amtszeiten sieben Jahre nahezu parallel verlaufen waren. Ihre Kritik an der Williamson-Affäre war ihr von einigen im Vatikan nie ganz verziehen worden. Nun gewährt ihr Franziskus ausgerechnet im Wahljahr eine ausgedehnte Audienz. Das wird der Protestantin gefallen, die gegenüber dem römischen Prunk eine gewisse Abneigung hegte und zugleich ihre spontane Sympathie für Franziskus nicht verbarg. Was machen die beiden mit dem neuen&nbsp;Spielraum?<em><br /><br />Unter dem Titel „Franziskus’ Frühling“ kommentiert Christ?&amp;?Welt Gedanken, Worte und Werke des neuen Papstes.</em><br /><br /></p>]]></content:encoded>
			<category>Glaube</category>
			
			Volker Resing (Freier Autor)
			<pubDate>Thu, 16 May 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
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			<title>Nimm dein Kreuz und geh</title>
			<link>http://www.christundwelt.de/themen/detail/artikel/nimm-dein-kreuz-und-geh/</link>
			<description>Um das Kruzifix im Saal des NSU-Prozesses ist ein Streit entbrannt, seit ein türkischer Parlamentarier sich davon bedroht fühlt. Muss man als Christ dafür sein, dass es bleibt? </description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auf Golgota standen vor knapp 2000 Jahren Kreuze aus poliertem Schiefer mit geschmirgelten Kanten. Der Heiland hing am Handschmeichler – diesen Eindruck vermittelt zumindest das aktuelle Sortiment christlicher Kunsthandwerker. Wenn Kreuze überhaupt noch gefragt sind, dann in gefälliger Form: geglättet, poliert und, trotz grassierenden Bodybewusstseins, auch in katholischen Gegenden ohne Korpus. Körperlichkeit gesteht der kritische Religionsverbraucher allenfalls wohlgerundeten Engeln zu. Die Beschützer im Hosentaschenformat beflügeln den Devotionalienhandel. Kreuze sind keine Pflichtstücke mehr in christlichen Haushalten, immer weniger Gläubige hängen sie in ihre vier Wände.<br /><br />Umso erstaunlicher ist die Aufwallung, die der türkische Parlamentsabgeordnete Mahmut Tanal auslöste. Er fühlte sich beim Auftakt des NSU-Prozesses durch das Kruzifix im Gerichtssaal „bedroht“ und ließ deutsche Medien an seinem Unbehagen teilhaben. Hernach wurde das gesamte christliche Abendland auf die Wand des Gerichtssaals projiziert: das Menschenbild, die Rechtsstaatlichkeit, die Gnade, die Nächstenliebe, die Toleranz. Günther Beckstein, ehemaliger bayerische Ministerpräsident und Vize-Präses der EKD-Synode, erklärte, die Opfer der NSU hätten in Deutschland gelebt, und in einem christlich geprägten Land wie Deutschland gelte es, deutlich zu machen, dass Gott über dem Menschen stehe. Die Deutsche Bischofskonferenz kam mit einer fast protestantischen Begründung aus: „Das Kreuz gehört dahin, wo es hängt: in den Gerichtssaal.“ Dort hängt es, es kann nicht anders.<br /><br />Diese Diskussion ums Eigene befremdet doppelt. Einerseits: Am Kreuz jubiliert weder der Sieger von Golgota, noch schaut von dort der Vorsitzende des Ersten Senats des Jüngsten Gerichts auf die Prozessbeteiligten herunter. Jesus ist ein leidender Mensch. Geht von diesem Wehrlosen eine Gefahr für den Betrachter aus? Oder bedarf es nicht eines gewissen querulantischen Ehrgeizes, darin eine Bedrohung zu sehen?<br /><br />Andererseits: Der NSU-Prozess ist wohl kaum der geeignete Anlass, um im Erschalle-laut-Triumphgesang-Tenor das Kreuz im Gerichtssaal zu preisen. Das Hohelied auf die christliche Kultur hört sich manchmal so an, als sollte der zentrale Tote des Christentums gegen die nichtchristlichen Toten aufgerechnet werden. Bei der offiziellen Trauerfeier für die Opfer der NSU im Februar 2012 war Gott nicht geladen, auf religiöse Symbole wurde bewusst verzichtet. John Lennons Lied „Imagine“, der Traum von einer Welt ohne Religion, gab den Ton an. Muss der Prozess das Bekenntnis nachholen, das damals vielen Beobachtern bei der Zeremonie fehlte? <br /><br />Selbst wenn das Kreuz an der oft fotografierten Münchner Gerichtswand bleiben darf, gibt es für ein Siegesgefühl keinen Anlass. Der Nagel, an dem die christliche Kultur angeblich befestigt ist, steckt so wacklig im Putz, dass die Kruzifixe ganz von allein herunterfallen. In vielen Bundesländern sind sie in öffentlichen Gebäuden nicht mehr vorgesehen. In Bayern hängen sie noch aufgrund eines hoheitlichen Aktes. Geurteilt wird auch dort im Namen des Volkes, nicht im Namen der Volkskirchen. Die Neutralität der Justiz gilt dort wie anderswo. Dass der Freistaat aufs Kreuz besteht, soll wie ein selbstbewusstes Bekenntnis zum Christentum aussehen, ist aber eine Reminiszenz an die gute alte Zeit vor 1995, als bayerische Eltern noch nicht gegen Kruzifixe im Klassenzimmer zu klagen wagten. Bis dato wähnten sich Staat und Kirche in einer „gehüteten Idylle“, wie es Staatsrechtler Michael Stolleis in einem Aufsatz zum Kruzifix-Urteil formulierte. <br /><br />Die Kirchen in Deutschland haben in den vergangenen Jahrzehnten einiges verloren: Seelen, Gebäude, Macht, Ansehen, Glaubwürdigkeit. Wenn ihr Erkennungszeichen von den Wänden und aus der Stadtsilhouette verschwindet, wird die Demontage weithin sichtbar. Wieder und wieder erinnern die Kämpfe um ein paar Quadratzentimeter Wand daran, dass kein Terrain mehr sicher ist. Wirklichkeit tut weh, erst recht in der Kirche. Da ist es verführerisch, auf die Idylle zu pochen: Wir werden uns doch unser Kreuz nicht von so ein paar dahergelaufenen Hypersensiblen nehmen lassen! Wir haben ältere Rechte! Schicker als dieses Mir-san-mir-Christentum wirkt der intellektuelle<br />Diskurs über die christlich geprägte Kultur. Zwar mussten Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte zunächst eher gegen die Kirchen als mit ihnen durchgesetzt werden. Aber, mein Gott, wer will schon so kleinlich sein, wenn es heißt „Entweder wir oder die“, entweder Grundgesetz mit Gottesbezug oder Scharia? <br /><br />Komischerweise nehmen die Kläger wider das Kreuz den theologischen Gehalt ernster als seine Verteidiger. In solchen Situationen rächt sich, dass die Kirchen im Anordnen geübter sind als im Argumentieren. Navid Kermani, einer der Autoren dieser Ausgabe, schrieb 2009 in einem folgenreichen Artikel in der „Neuen Zürcher Zeitung“, warum er das Kreuz als Gotteslästerung und Idolatrie ablehnt, aber vom Kreuzigungsbild Guido Renis in der Kirche San Lorenzo in Lucina tief ergriffen war. Daraufhin erkannte ihm der CDU-Politiker Roland Koch den Hessischen Kulturpreis zunächst ab, als zu stark wähnte er den Einspruch aus der katholischen Kirche. Doch das Kreuz besteht eben nicht nur aus einem Längsbalken. Es provoziert Quergedanken, es erlaubt Dialektik. Wer dagegen vom Kreuz als christlichem Kultursymbol schwa?droniert, reduziert es auf eine rundgeschliffene Demokratie-Deko. Der Selbstmarginalisierung folgt die Selbstsäkularisierung. <br /><br />Religionsfreiheit ist das Recht des Einzelnen, nicht einer Kirche. Doch es ist vergebliche Glaubensmühe, deshalb das Kreuz im Gericht zu erstreiten. „Christ, der Retter ist daha“, singen alle Weihnachts- und Ganzjahreschristen einmal im Jahr. Wollen die Kirchen Christ, den Retter, durch den Staat gerettet wissen? Oder haben sie sich einen Rest Gott- und Selbstvertrauen bewahrt? Es wird weiter Menschen geben, die sich dem Längs- und dem Querbalken aussetzen, nicht hoheitlich verfügt, sondern freiheitlich gewählt. Ein Kreuz in der privaten Hand zählt mehr als eines auf der öffentlichen Wand.<br /><br /></p>]]></content:encoded>
			<category>Leitartikel</category>
			
			Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
			<pubDate>Thu, 16 May 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
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			<title>Der Sündenfaller</title>
			<link>http://www.christundwelt.de/themen/detail/artikel/der-suendenfaller/</link>
			<description>Manche Tiefe des Lebens hat Gunter Gabriel durchschritten. 
Doch wie sein Idol Johnny Cash lernte er, seinen Schmerz singend zu leben. Seitdem interessieren sich sogar die Kirchen für ihn</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gunter Gabriel ist allein. Er steht auf dem Bahnsteig und ist pünktlich. Nur der Zug, vor den er sich werfen will, ist es nicht. Gabriel hat Schulden, er ist einem Betrüger aufgesessen, er hat Depressionen. Keine Frau hält es aus bei ihm. Oder er mit ihr. Alle Welt weiß: Der Gabriel ist gefährlich, er trinkt zu viel. Alle Welt hält ihn für einen Versager, einen alternden Schlagerstar, der mit seinem Lied vom 30-Tonner-Diesel 1974 ganz groß rauskam und nun mit seinem Ruhm nicht klarkommt, der im Wohnwagen leben muss und schon mal in der Klapse war. Gunter Gabriel weiß das, er liest fünf Zeitungen am Tag, nicht nur die Revolverblätter, die über ihn berichten, auch die anderen, die guten, die es nicht tun. Manche Artikel schneidet er aus und klebt sie ins Tagebuch. Manche handeln von ihm, die meisten nicht. Dort, im Tagebuch, ist der ganze Gabriel zu finden, der private wie der öffentliche. Beide kann Gunter Gabriel gerade nicht leiden. Deshalb ist er hier. Doch wie konnte es nur so weit kommen? Auf dem Weg zum Bahnhof, erinnert er sich, fuhr er durch eine Allee. Das Laub war rot, der Himmel blau, überall war Licht – ein schöner Tag im Herbst des Jahres 1992. Wie kann man nur an so einem Tag?, denkt er. Wie kann man überhaupt? Schließlich kommt der Zug. Endlich. Doch da ist Gunter Gabriel bereits gegangen.<br /><br />Zwei Jahrzehnte und einige Ehen später hat Gunter Gabriel keine Schulden und Depressionen mehr. Anstelle des Wohnwagens besitzt er nun ein rosa Hausboot im Hamburger Hafen. Er trinkt nur noch selten und hat es sich abgewöhnt, Frauen zu prügeln, nachdem Alice Schwarzer ihn in einer Talkshow dafür ordentlich rundgemacht hat. Wurde Gabriel früher von den Qualitätszeitungen ignoriert, bespricht heute selbst die „FAZ“ seine CDs, während die „Süddeutsche“ ihm attestiert, mit über 70 im „Stadium der Veredelung“ angekommen zu sein – so wie Johnny Cash, Gabriels Vorbild. Selbst die Kirchen interessieren sich nun für den geläuterten Sünder. &nbsp;Immer öfter soll Gabriel auf geweihtem Boden seine Lieder singen. Eine kleine Kirchentournee hat er gerade hinter sich gebracht, eine Anfrage von Kardinal Meisners Eucharistischem Kongress scheiterte an Gabriels vollem Terminkalender. Doch wie konnte es so weit kommen? Wie wurde Gabriel gottgefällig? „Was weiß ich?“, sagt er. „Vielleicht, weil es an ein Wunder grenzt, dass ich mich vor 20 Jahren nicht umgebracht habe.“<br /><br />Drei Stunden vor seinem Konzert in der Kölner Herz-Jesu-Kirche sitzt Gabriel im Hotelbiergarten mit Teichblick und wartet auf Käsekuchen und einen „Ballen“ Vanilleeis. Um ihn herum Männer in seinem Alter. Sie tragen eierschalenfarbene Shorts, Tennissocken und Sandalen. Gabriel trägt Jeans und ein T-Shirt, auf dem „Hafencowboy“ steht. „Schmerz“, sagt er. „Davon hab’ ich viel in mir.“ Nur kontrolliere der ihn heute nicht mehr. Er beugt sich vor. Die Tischkante schneidet dem „Hafencowboy“ in den Kugelbauch. „Halt ihn aus! Hau ihm in die Fresse, dem Schmerz! Dann erlöst dich vielleicht ein Lächeln, ein guter Kaffee, der schöne blaue Himmel, irgendwas, das dich daran erinnert, dass Schmerz nicht alles ist im Leben.“ Das habe er damals am Bahnsteig gelernt. Und diese Lebensphilosophie wird Gunter Gabriel nicht müde zu verkünden. Sie mag unterkomplex sein, aber sie kommt an. Vielleicht, weil ein Künstler, egal, was er sagt und tut, heute nur noch in die Rolle der moralischen Instanz hineinaltern muss. Vielleicht, weil jeder mittlerweile als Weiser gilt, der nur lange genug durch die Medienmühle gedreht wurde, ohne sich aus dem Fenster zu stürzen wie Rex Gildo oder im Dschungelcamp auf Känguru-Genitalien rumzukauen wie Costa Cordalis. Immerhin hat auch Heino, Inbegriff volkstümelnder Peinlichkeit, jüngst eine Kirchentour und einen zweiten Frühling als Feuilletonliebling erlebt. Der säkularisierte Durchschnittskonsument hört sie anscheinend immer noch gerne, diese Saulus-Paulus-Erzählungen mit Happy End.<br /><br />Doch bei keinem geriet das Leben derart zur Passionsgeschichte wie bei Gunter Gabriel. Vieles kann man ihm vorwerfen, dass er ein Macho ist, zu laut und zu vulgär, aber nicht, dass er keine Ahnung vom Schmerz hätte.<br /><br />Als Günter Caspelherr, wie Gabriel bürgerlich heißt, vier Jahre alt ist, stirbt seine Mutter nach einer illegalen Abtreibung an einer Unterleibsentzündung. Dieses „Defizit“, schreibt er in seiner Autobiografie, „spüre ich noch heute, so alt und grau und ausgeleiert ich auch geworden bin.“ Der Vater, ein kriegsversehrter Spediteur, verprügelt ihn mit einer Hundepeitsche. Gleichzeitig leidet er an Depressionen. Als er sich eines Tages im Keller aufzuhängen versucht, schneidet Gabriel ihn in letzter Minute los. „Ich hatte Mitleid mit ihm“, sagt er, umgeben von Tennissocken und Käsekuchen. „Er wollte Mitgefühl, konnte aber keine Liebe geben.“ Selbst danach quält der Vater ihn weiter. Doch Gabriel wird größer, eins neunzig groß. Bei einer Party begeht Vater Caspelherr schließlich den Fehler, aus dem Tagebuch seines 17-jährigen Sohnes vorzulesen. Bei dem brennt darauf eine Sicherung durch. Er prügelt auf den Vater ein, bis der eine zuckende, blutende Masse ist. Es ist das letzte Mal, dass die beiden sich sehen. Als Gabriel Jahre später vom Tod des Vaters hört, ist er gerade auf Hochzeitsreise in Athen. Er köpft eine Flasche Schampus und fühlt angeblich nichts, gar nichts. Nur der Schampus prickelt ein wenig.<br /><br />Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Als sein Vater noch lebt, schickt Gabriel ihm immer seine Platten. Nie bekommt er Antwort. Auch nicht, als er ein Lied für seinen Vater schreibt: „…und langsam strich ich ihm durchs weiße Haar,/ sein Bart kratzte wie Sandpapier,/ und irgendwie, da fühlten wir,/ es kommt nur darauf an,/ dass man auch vergeben kann“. Gunter Gabriel schaut den Enten im Teich nach. Panisch flattern sie davon, als ein wohlmeinender Senior sie mit halben Brotlaiben bewirft. „Ich hab mich damals nicht mit Ruhm bekleckert, oder?“ Reue, nein, die kenne er nicht. Schuld ja, aber Reue? „Das gehört alles zu mir, das bin ich, wie kann ich es bereuen? Ich kann meine Vergangenheit nicht ändern.“ Nur zu ihr stehen, das könne er.<br /><br />Immerhin hat Gunter Gabriel eine Vergangenheit, ein Leben, auf das er zurückblicken kann. Welcher milchbärtige Retorten-Star kann das schon von sich behaupten? Und genau wegen dieser Vergangenheit, den Windungen seines wilden Lebens, darf er am Abend in der Herz-Jesu-Kirche auftreten. Denn hier ist mal jemand, der etwas von Sünde versteht und Vergebung, und dort in den Kirchenbänken warten Menschen, die das hören wollen, aber sonst wohl nie in einer Kirche zu sehen sind. <br /><br />Die Bänke sind voll. Die Leute sitzen. Dann kommt Gabriel. Die Leute stehen auf. Sie jubeln. Sie preisen. Wie in einer Messe. Dabei ist der Sound mies, sind die Lieder an diesem Abend alle von Cash und nur die Texte, die keiner versteht, von Gabriel mehr schlecht als recht ins Deutsche übertragen worden. „Gunter, Gunter“, rufen sie. Ein Mann, beige Jacke, graue Haare, Oberlippenbart, hat seine Gitarre mitgenommen: „Damit Gunter mich sieht und sagt: Komm auf die Bühne, dann spielen wir ein paar Songs.“ So wie Johnny Cash bei einem Konzert in Köln mal Gunter Gabriel auf die Bühne holen wollte, um mit ihm ein paar Songs zu spielen. Nur war Gabriel leider gerade pinkeln. „Das soll mir nicht passieren“, sagt der Mann und wartet weiter auf seinen großen Moment.<br /><br />Überhaupt Cash, diese „Lichtgestalt, dieser Kirchturm“, wie Gunter Gabriel vor seinem Auftritt ins Schwärmen gerät. Er sang von Männern, Mördern und Malochern, von Schuld, Schmerz, den ganz großen Themen. So wie Gabriel. Alles habe er ihm zu verdanken, sagt der Hafencowboy und schaut den Enten beim Davonfliegen zu. Seine Hits von früher, das seien doch alles Cash-Interpretationen gewesen. So habe er ihn überhaupt kennengelernt. Cash hörte von ihm, wollte ihn treffen. Bei jeder Deutschlandtour danach ruft June Carter bei Gabriel an, um ihn zu fragen, ob er ihren Mann besuchen wolle. Von Cash lernte Gabriel zu beten, nicht dass er heute viel beten würde, aber immerhin: Er ist spirituell. „Im Tourbus“, sagt er, „hatte Cash immer eine Bibel dabei. In ihr las er, während seine Band den Mädels hinterherglotzte.“ Cash-Songs zu singen, das sei die Erfüllung seines Lebens. Diese Songs, sagt Gabriel, diese Songs… Ach, wenn nur einer schreiben würde, seine eigenen wären halb so gut wie die von Cash, dann, nur dann wäre Gabriel wirklich glücklich. „Ich will nicht nur über meinen Schmerz definiert werden.“ Doch wurde Cash das nicht auch? Völlig vergessen erreichte er das Stadium seiner Veredelung erst, als er bereits todkrank und seine Stimme brüchig war. Es waren die „American Recordings“, diese Lieder aus der Gruft, die ihn erneut weltberühmt machten. Denn in seiner finalen Phase hatte Cash die Gabe, „Personal Jesus“ so zu singen, als hätte er Jesus bereits persönlich getroffen.<br /><br />Gunter Gabriel singt diese Songs nicht gern. Er hat sich auf die alten, die ganz alten Hits verlegt. Möglicherweise, weil er Angst vor der dunklen Seite seiner Lichtgestalt hat. „Ich bin kein Mensch, der gerne zurückschaut – oder allzu weit nach vorne.“ Und dann macht er es doch. Er holt sein Tagebuch raus. Eine große schwarze Kladde. „Schau mal“, sagt er. „Das ist meine erste Frau.“ Eine Blondine mit großen Augen lächelt auf dem eingeklebten Schwarzweißbild schüchtern in die Kamera. Er blättert weiter. Ein paar Tage aus Gunter Gabriels Leben: ausgeschnittene Artikel aus der „Bild“, ein paar Gedanken, viele Großbuchstaben, zwei Ultraschallbilder eines kranken Herzens („Ich bin viel zu fett!“) und schließlich sie: eine junge Blondine, seitenfüllend, oben ohne, herausgerissen aus einem Männermagazin. Vom Nebentisch linst ein eierschalenfarbenes Pärchen herüber. Gabriel schaut nicht mal hin, er sieht nur Brüste: „Ich bin nicht einsam. Ich bin allein. Manchmal begegnen mir Ehepaare. Sie sind seit 40 Jahren verheiratet und halten immer noch Händchen. Wie ist das möglich? Warum habe ich das nicht?“<br /><br />Und dann eine Seite weiter ein Bild von Manfred Krug. Mit ihm nahm Gabriel vor Ewigkeiten den Song „Hallo Dortmund“ auf. Krugs Wangen sind eingefallen, seine Augen groß, der Blick ist leer. Ein Greis. Gunter Gabriel schaut das Bild lange an. „Weißt du, wann ich Cash das letzte Mal sah?“ 2003 war das. Gunter Gabriel kam gerade aus der Klinik, Herzinfarkt, und flog auf Einladung seines alten Freundes in die USA, um in seinem Haus in Hendersonville eine Platte aufzunehmen. Und da steht Gabriel, mit klopfendem Herzen, und muss zusehen, wie Johnny Cash, sein Held, aus einem Mercedes gewuchtet wird. Kaum einen Fuß bekommt Cash vor den anderen. Er hat ein Kindermädchen, seine Zähne sind kaputt. Deshalb schlürft er nur Austern und Kaviar. Zwei Wochen später ist er tot. Auf einmal sieht man Gunter Gabriel seinen Schmerz an. „Johnny“, sagt er. „Er war damals so alt wie ich heute.“ Es folgen eine Schweigeminute und eine junge, schlanke Dame, die aus dem Nichts am Tisch vorbeischwebt. „Schatzilein“, flötet Gabriel ihr nach, „machste uns gerade mal zwei Käffchen?“ „Kommt sofort, Herr Gabriel.“<br /><br />Was ist das? Gunter Gabriels Gesicht sieht plötzlich aus wie ein zerwühltes Laken. Er zeigt mit dem Finger drauf: „Siehst du das?“ So sieht es aus, wenn Gabriel lächelt. Selten sei das geworden in letzter Zeit. „Ich bin heute oft melancholisch, vor allem am Morgen. Das ist das Alter. Aber das geht vorbei, vorausgesetzt, man frühstückt gut.“ Gunter Gabriel hat keine Angst vor dem Tod. „Ich will nur nicht im Schlaf sterben. Ich will sagen können: Macht’s gut, Jungs, kein Grund, sich zu fürchten.“ Aber wer weiß schon, ob der Tod überhaupt Macht über ihn hat, ob er irgendwann auf ihn wartet mit einem 30-Tonner-Diesel oder einem Stück Käsekuchen zu viel? Vielleicht lebt Gunter Gabriel ja einfach weiter und läuft und läuft und röhrt und röhrt, genauso wie sein Sprinter, der draußen auf dem Parkplatz steht. 1,8 Millionen Kilometer habe der bereits auf dem Buckel, aber am Ende sei der noch lange nicht. So wie sein Besitzer, auch wenn der ihn nicht mehr fahren darf. Gabriel hat keinen Führerschein mehr, die Folge eines Rückfalls in alte feuchtfröhliche Zeiten in Kombination mit einem kaputten Rücklicht und einer Polizeikontrolle. Das sei besonders schade, sagt er, weil er neben dem Sprinter noch einen Truck habe. Auf den hat ein Künstler ein Bild von Gabriel als Erzengel gesprayt.&nbsp;<br /><br />Seine Kumpel Michael Holm und Jürgen Drews, zwei weitere Überlebende der unsterblichen „ZDF-Hitparade“, haben so ähnliche Dinger. Alles Sonderanfertigungen. Mit denen wollen die drei mal bei „Wetten, dass?…?“ auftreten. „Das wird der Knaller.“ Jürgen Drews habe schon richtig Schiss. Aber warum? „Warte, ich frag ihn.“ Gabriel holt sein Handy raus und ruft allen Ernstes Jürgen Drews auf Mallorca an. Der ist gerade nicht zu erreichen. Nur die Mailbox meldet sich. Statt eines Pieptons singt der selbst ernannte König von Mallorca seinen Hit „Wenn die Wunderkerzen brennen“. – „Jürgen? Gabriello hier, ruf mal zurück und sag uns, warum du so Schiss hast.“ Doch warum Jürgen so Schiss hat, wird sein Geheimnis bleiben. Vielleicht, weil er singen muss mit Gabriel und Michael und es keinen Erzengel gibt, der Jürgen heißt. Wie auch immer, singen wird er. Ehrensache. Der Song, den die drei zum Besten geben wollen, ist eine Hymne, etwas für die Ewigkeit. Gabriello hat sie sich und ihnen auf den Leib komponiert: „Wer tritt mal in unsere Schuh?/ Wer singt mal wie ich und du?/ Auf ’nem Hocker für’n Bier/ Wie Jürgen Drews hier am Klavier./ Wo sind all die Jungs geblieben,/ die die schönen Songs geschrieben?“<br /><br />Ja, wo sind sie bloß geblieben?</p>]]></content:encoded>
			<category>Gesellschaft</category>
			
			Raoul Löbbert (Redakteur)
			<pubDate>Thu, 16 May 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<imageKlein></imageKlein>
			<image></image>
			<title>Jagdlust</title>
			<link>http://www.christundwelt.de/</link>
			<description>Der Wahlkampf hat begonnen, die Zustimmung zur Union sinkt. Die Truppen in den Medien (uni-)formieren sich. Welche Truppen hat die CDU noch? <p class="more"><a href="/abo/">Interessiert? Hier geht's zum Probeabo</a></p></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der eine Präsident hat, im Ausland, mit Millionen aus unklaren Quellen gepokert und die Erträge an der deutschen Steuer vorbeigeschleust. Er hat das auch gleich eingeräumt, hat sich zerknirscht den Medien zu Füßen geworfen. Also haben seine Aufsichtsräte Milde walten lassen, zurücktreten müsse er nicht, mal sehen, wie die Sache ausgeht, und: Er ist ja auch ein zu netter Kerl, der Uli. Und die Medien finden das auch und lassen Gnade vor Recht ergehen, wenngleich sie die Nähe des netten Uli zur CSU unermüdlich bildhaft dokumentierten. Die SPD freut sich. Der andere Präsident hat, man weiß es noch gar nicht, allenfalls ein paar hundert Euro geschenkt bekommen, vielleicht nicht einmal das. Die anderen Verdachtsmomente von ähnlicher Größenordnung sind ohnehin ausgeräumt, dennoch hat ihn die Jagdlust unter deutschen Medien aus dem Amt gedrängt. Beides Unionsmänner, aber zweierlei Maßstäbe. Der Erste ist nur Fußballvereinspräsident, der andere war Bundespräsident: Quod licet bovi, non licet jovi, ließe sich sagen. Die SPD freut sich.<br /><br />In Bayern haben Politiker nahe Verwandte auf Staatskosten zu Mitarbeitern befördert, was das Familieneinkommen oft um einige hunderttausend Euro mehren konnte. Derlei war offenkundig nicht strafbar, nur ein bisserl Vetternwirtschaft im Freistaat wie zur Strauß-Ära, die Edmund Stoiber nach seinem Amtsantritt eigentlich getilgt haben wollte. Der eine oder andere Abgeordnete ist nun freiwillig zurückgetreten, weil sich das Verbleiben im Amt nur durch die Rückzahlung der Gelder hätte bewerkstelligen lassen, das war wohl zu teuer. Zwar wurden auch SPD-Abgeordnete ertappt, aber in den Medien erscheint dies als ein bloßer CSU-Skandal. Und die SPD verweist auf den Spezl-Sumpf.<br /><br />Und nun sind Sie selbst dran. Sie hätten – schreiben Springer-Journalisten – es sich als Schülerin, Studentin und Jungwissenschaftlerin fein eingerichtet im SED-Staat und es verstanden, mit Kräften und Gegenkräften zum eigenen Nutzen zu jonglieren. Zwar seien Ihnen Reformbestrebungen im Kommunismus sympathisch gewesen, andererseits aber hätten Sie aus freien Stücken das Amt einer „Sekretärin für Agitation und Propaganda“ an Ihrem Wissenschaftsinstitut in Berlin-Adlershof übernommen. Daher rühre eine in der CDU seit Langem feststellbare Sozialdemokratisierung, kommentieren die enttäuschten Konservativen. Die anderen loben (ein wenig vergiftet) Ihre verwickelte Biografie als Voraussetzung für die Ausprägung von Charaktermerkmalen, mit denen Sie heute „das höchst diffizile sachliche, politische und menschliche Kräftespiel der EU-Spitzengremien instinktiv verstehen“ könnten, zudem sei Angela Merkel offenbar „in ihrer Jugend auf eine Weise unbehütet“ gewesen, „die sie heute furchtlos macht“. Die SPD wird nicht zögern, weitere Fragen zu stellen.<br /><br />Der Wahlkampf hat begonnen, die Zustimmung zur Union sinkt. Die Truppen in den Medien (uni-)formieren sich. Welche Truppen hat die CDU noch? <br /><br /><br /><br /></p>]]></content:encoded>
			<category>Brief an die Bundeskanzlerin</category>
			
			Michael Rutz (Publizist)
			<pubDate>Thu, 16 May 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
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			<title>Das Dilemma bleibt</title>
			<link>http://www.christundwelt.de/</link>
			<description>Frauen, die ihre Kinder anonym zu Welt bringen,
brauchen Hilfe. Doch das Kind hat ein Recht darauf, die Mutter zu kennen<p class="more"><a href="/abo/">Interessiert? Hier geht's zum Probeabo</a></p></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Jährlich werden in Deutschland etwa 100 Kinder anonym geboren oder anonym übergeben. Diese Zahl hat das Deutsche Jugendinstitut in seiner Studie „Anonyme Geburt und Babyklappen in Deutschland“ (2012) erhoben. Frauen sehen sich nach wie vor in Konfliktlagen gefangen; sie fühlen sich gezwungen, Schwangerschaft und Geburt zu verheimlichen, das Kind allein zur Welt zu bringen und anonym auszusetzen, damit es überlebt. Ängste vor dem sozialen Umfeld, vor familiären Repressalien, beruflichen Nachteilen und existenzieller Bedrohung lassen für Frauen die anonyme Kindesabgabe als Ausweg erscheinen. Aus Scheu, Scham, Unkenntnis oder der Angst, in die Mühlen der Behörden zu geraten, vertrauen sich die betroffenen Frauen niemandem an. Seit dem Ende der Neunzigerjahre gibt es Babyklappen und Angebote zur anonymen Geburt, um Schwangere und Mütter zu unterstützen und das Leben des Kindes zu schützen. Die Verfahren sind in Deutschland uneinheitlich, die Rechtslage ist für alle Beteiligten ungeklärt. Daher drängen Sozialverbände, Hebammen und Ärzte seit Langem auf eine rechtssichere Entscheidungsmöglichkeit für schwangere Frauen mit Anonymitätswunsch. <br /><br />Der Gesetzentwurf zum „Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt“ wird in diesen Tagen im Bundestag diskutiert. Er ist ein guter Kompromiss, aber das Dilemma kann er nicht auflösen. Der Entwurf vermittelt zwischen dem Wunsch der betroffenen Frauen, Anonymität zu wahren, und dem Recht des Kindes, seine Herkunft zu erfahren. Der Mutter wird eine angemessen lange Zeit, in der Regel 16 Jahre, die Anonymität ihrer Daten zugesichert, wenn sie sich einer Beratungsstelle oder einem Krankenhaus anvertraut. In dieser Zeit kann sie Hilfe annehmen. Dem Kind wird danach ermöglicht, zu erfahren, wer seine leibliche Mutter ist.<br /><br />Es gibt Stimmen, die es befürworten, der Mutter die volle und dauerhafte Anonymität zuzusprechen. Dazu zählt leider auch die Empfehlung des Bundesrates vom 3. Mai. Der Wunsch der Frau, unbekannt zu bleiben, ist zunächst verständlich: Sie sieht sich in ihrer Not außerstande, mit ihrem Kind zu leben, und kann selbst Nahestehenden nicht von der Schwangerschaft berichten. Dennoch wollen auch diese Frauen das Neugeborene in Sicherheit wissen. In der Regel, so die Erfahrungen in Beratungsstellen des Sozialdienstes katholischer Frauen, besteht der Wunsch nach Anonymität aber meistens nicht gegenüber dem Kind, sondern gegenüber dem Umfeld. Bisher sehen sie für sich keine andere Lösung, als dem Kind das Recht auf die Kenntnis seiner Herkunft zu verwehren. Das würde mit dem neuen Gesetz künftig anders. <br /><br />Der Gesetzentwurf will Schwangere und Mütter in schwierigen Situationen unterstützen. Hilfsangebote und Beratungsstellen sollen bekannter werden, zumal die Studie des Deutschen Jugendinstituts verdeutlicht, dass frühe professionelle Hilfe nötig ist. Auch nach der Geburt benötigen die Frauen eine gute psychosoziale Beratung, um eventuell doch eine gemeinsame Zukunft mit dem Kind zu erwägen. <br /><br />So weit der gesetzliche Rahmen. Das beschriebene Dilemma erfordert aber viel mehr: Eine Frau in existenzieller Not muss wissen, dass sie sich an eine Beraterin, eine Ärztin oder einen Arzt wenden kann. Dass ihr zugehört wird und sie auf Verständnis stoßen kann. Wenn eine Frau wegen der Schwangerschaft in familiäre Bedrängnis kommt, hat sie den Anspruch, dass Beratungsstellen bedingungslos auf ihrer und auf der Seite des Kindes stehen. Die beste gesetzliche Regelung, das sicherste Angebot einer vertraulichen Geburt nützen nur dann etwas, wenn die schwangeren Frauen darauf vertrauen können, dass der Gesetzgeber und die Gesellschaft sie stützen und auch nach der Entscheidung nicht allein lassen. Unabhängig davon, ob sie sich für ein Leben mit dem Kind entscheiden oder es abgeben. Das Gesetz ist notwendig. Schöner wäre es, wenn jegliche anonyme Kindesabgabe überflüssig wäre.<br /><br /><em>Anke Klaus ist Bundesvorsitzende des Sozialdienstes katholischer<br />Frauen. Dessen Angebot umfasst unter anderem 120 Schwangerschaftsberatungsstellen, 22 Adoptions- und 37 Pflegekinderdienste.<br />Einzelne SkF-Ortsvereine haben nach kontroversen Diskussionen<br />Babyklappen oder sogenannte Mosesprojekte initiiert.<br /></em></p>]]></content:encoded>
			<category>Das Wesentliche</category>
			
			Anke Klaus (Sozialdienst katholischer Frauen)
			<pubDate>Thu, 16 May 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
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			<title>So glanzvoll kann Elend sein</title>
			<link>http://www.christundwelt.de/</link>
			<description>Berlins Künstler gleichen sich Berlin an und sind arm aber sexy, findet unser Kolumnist<p class="more"><a href="/abo/">Interessiert? Hier geht's zum Probeabo</a></p></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Typ des Hungerkünstlers aus Franz Kafkas gleichnamiger Erzählung ist zurück in Berlin: Nur spannt inzwischen die viel zu enge Lederweste über seiner Bierwampe. Darben allein genügt eben heutzutage nicht mehr, eine zur Schau gestellte Armut vor zahlendem Publikum muss heute kreativ inszeniert werden. Der abgerissene Künstler wird zum gerissenen Geschäftsmann in eigener Sache: Die geschickte Selbstvermarktung ist seine Profession. Wenn er kreativ wird, dann bleibt kein Auge trocken: Rostige Maschinenteile schweißt unser Künstler zu formlosen Metallklumpen, die er dann unter so poetischen Titeln wie „Selbstbildnis mit Spreeblick“ oder „Abendliches Kreuzberg in Trinkerstimmung“ auf Kunstgewerbemärkten feilbietet. Findige Herrenausstatter fräsen ihm derweil mit einer Spezialmaschine Mottenlöcher in seine Garderobe und schaben kunstvoll die Ärmel durch.<br /><br />Seine auf hager getrimmte Standnachbarin biegt billigen Silberdraht zu delfinförmigen Gebilden zurecht und vertickt nebenher filzene Wichtelkostüme in Übergrößen. In Schmargendorf bewohnt sie heimlich ein biederes Eigenheim. Im Zentrum der Metropole zwischen der Straße des 17. Juni und dem Lustgarten gibt sie für Besucher die Lebenskünstlerin: über sich nur Haar und Himmel, wie die Pariser Kitsch-Clochards unter der Seine-Brücke. Ein Kostümverleih mit passender Garderobe für solche Anlässe wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Touris, die daheim dreimal im Jahr ihre Garage weißeln, fühlen sich vor abgeblättertem Fassadenputz in die Geschichte ein. Berlin ist also arm, aber sexy, genau das schafft seine soziale Balance. Wäre Berlin reicher, wäre es ärmer dran.</p>]]></content:encoded>
			<category>Das Unwesentliche</category>
			
			Andreas Öhler (Redakteur)
			<pubDate>Thu, 16 May 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
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